Indianer! (Oder: Winnetou darf nicht sterben)

24. August 2022, 12:35 Uhr

Der Kinderfilm Der junge Häuptling Winnetou läuft zwar weiterhin in deutschen Kinos, aber das Buch und diverse Spiele zum Film hat der Ravensburger Verlag jetzt aus dem Programm genommen, weil der Titel „die Gefühle anderer verletzt“ hätte. Das Wort Indianer steht schon länger auf dem Index mancher Aktivisten.

Der junge Häuptling Winnetou (Szenenfoto)

Wenn man heute auf der Website des Ravensburger Verlags nach Winnetou sucht, findet man nur noch eine Spielanleitung, die wohl zu löschen vergessen worden ist. Alles andere scheint in ein Gedankenloch gefallen zu sein, um einen Begriff aus George Orwells 1984 aufzugreifen – die Winnetou-Produkte werden nicht nur nicht mehr ausgeliefert, sondern es soll so aussehen, als hätte es sie nie gegeben. Der Verlag hielt es nicht einmal für nötig, dazu eine Pressemeldung zu veröffentlichen, sondern beschränkte sich auf einen Beitrag auf Instagram:

Kein Winnetou mehr bei Ravensburger, wie man auf Instagram nachlesen kann.

Wie viele negative Rückmeldungen zum Winnetou-Buch es wirklich gab und wer sie vorbrachte, bleibt unklar, aber die negativen Rückmeldungen zum Stopp der Auslieferung sind zahlreich; entsprechende Kommentare auf der Facebook-Seite von Ravensburger erhielten jedenfalls viele hundert Likes, und die häufigste Reaktion auf alles, was Ravensburger dort dieser Tage postet, ist wütend.

Das Thema der amerikanischen Ureinwohner gilt ja schon länger als sensibel, wobei es seltener amerikanische Indigene sind, die Anstoß nehmen, als biodeutsche Aktivisten. Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, hatte sich jüngst in die Nesseln gesetzt, weil sie auf die Frage, was sie als Kind mal werden wollte, spontan mit „Indianerhäuptling!“ geantwortet hatte. Da das Wort Indianer als diskriminierend gilt, musste sie Buße tun und sich für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ entschuldigen. Dass sich Kinder – wie noch zu meiner Zeit – als Indianer/indigene Amerikaner verkleiden, geht schon mal gar nicht.

Karl Mays Der Schatz im Silbersee (1894) war mein allererstes Buch, als ich vielleicht 5 oder 6 war und mir mein Vater daraus vorlesen musste. Mich hatte es damals motiviert, schnell selbst lesen zu lernen.

Nun dürfte jedem klar sein, dass die Abenteuerromane Karl Mays, die für die Indianerbegeistung von Kindern hauptsächlich verantwortlich sind, einen eher märchenhaften Charakter haben. Er verfügte ja über keine Erfahrungen aus erster Hand und hielt sich an Reiseberichte, die voller Klischees, Stereotypen und schlicht Falschinformationen waren. Auf der anderen Seite ist es aber auch Karl May zuzuschreiben, dass in Deutschland schon lange ein positives Bild der Indigenen vorherrscht. Bösewichter und (manchmal etwas penetrante) Gutmenschen beschrieb er auf Seiten der Ureinwohner wie der europäischen Einwanderer, aber die Erzschurken waren bei ihm stets Europäer wie der Bandit Santer. Rassismus war May weitgehend fremd; Amerikaner und Europäer sah er als moralisch wie intellektuell gleichrangig an. Es ist auch nicht so, dass May den Kolonialismus und seine Folgen für die Ureinwohner ausgeklammert hätte; ganz im Gegenteil wurde dieser in seinen Romanen thematisiert.

Dem von Karl Mays Winnetou-Reihe inspirierten Kinofilm Der junge Häuptling Winnetou wird vorgeworfen, er hätte „nichts mit der Realität zu tun“ – wie es bei Abenteuerfilmen und Büchern für Kinder allerdings die Regel ist. Wenn das künftig ein Ausschlusskriterium sein soll, bliebe noch viel zu tun: Müsste man nicht den Vertrieb der Kleinen Raupe Nimmersatt einstellen, weil darin nichts vom Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft zu lesen ist? Darf man Kindern nicht länger aus Oh, wie schön ist Panama vorlesen, weil das Leben in diesem mittelamerikanischen Staat ganz schief dargestellt wird?

Und was ist ernsthaft gegen das Wort Indianer einzuwenden, das rassistisch und diskriminierend sein soll? Klar: Der Ursprung war ein Missverständnis. Kolumbus wollte ja keinen neuen Kontinent entdecken, sondern einen westlichen Seeweg nach Indien, womit im damaligem Sprachgebrauch der größere Teil Asiens gemeint war. Bei der Berechnung dieses Weges hatte er sich allerdings gründlich verrechnet; dieser war viel viel weiter als gedacht und von seiner kleinen Flotte unmöglich zu bewältigen, aber zum Glück lag Amerika im Wege, das Kolumbus bis an sein Lebensende für Indien, und dessen Bewohner entsprechend für Inder hielt. Der Irrtum klärte sich schnell auf, und da wir im Deutschen zwischen Inder und Indianer unterscheiden, ist schon seit Jahrhunderten keine Verwechslung mehr möglich: Inder sind die Einwohner des indischen Subkontinents, Indianer dagegen Ureinwohner Nord-, Mittel- und Südamerikas. Ob jemand von Indianern diskriminierend spricht, hängt wie bei anderen Begriffen auch allein von der Absicht des Sprechers ab, und gerade durch Karl Mays Einfluss ist das Bild der amerikanischen Ureinwohner in Deutschland tendenziell positiv.

Zumindest dieses Indianer-Buch hat Ravensburger immer noch im Sortiment.

Man könnte einwenden, dass Indianer keine selbstgewählte Bezeichnung ist, und man würde wohl stattdessen eine solche bevorzugen – wenn es sie denn gäbe. Die einzigen Alternativen sind allerdings beschreibende Formulierungen wie Native Americans oder (in Kanada) First Nations. Manche Indigene lehnen eine so umfassende Bezeichnung auch gänzlich ab, weil sie sich als Angehörige eines Stammes, alle indigenen Stämme Amerikas aber nicht als Einheit sehen. Für die indigenen Amerikaner ist das nicht unproblematisch, da sie sich nicht einfach als Indigene definieren können. Eine offizielle indigene Identität hat nur, wer als Mitglied eines Stammes akzeptiert wird, und solche Stammesidentitäten sind weitgehend fiktiv, nachdem schon lange nicht mehr nur innerhalb des eigenen Stammes geheiratet wird – falls das überhaupt jemals streng praktiziert wurde.

Das Fehlen einer Eigenbezeichnung ist nicht überraschend. Schon deshalb nicht, weil die Indigenen verschiedene Sprachen sprechen, die wiederum verschiedenen, kaum verwandten Sprachfamilien angehören. Selbst wenn ein Stamm ein Wort für alle Indigenen Amerikas hätte, wäre es für alle anderen ein Fremdwort. Und dann ist es weltweit generell so, dass Menschen zwar ein Wort für Angehörige ihres Stammes haben, und meist auch eines für Menschen (im Gegensatz zu Tieren) – wobei das manchmal ein und dasselbe ist. Warum aber sollten sie einen Begriff entwickeln, der die Menschen ihres Kontinents von denen anderer Kontinente unterscheidet, von deren Existenz niemand weiß? Dazu hätten sie keinen Anlass. Auch nachdem die ersten Europäer in Amerika auftauchten und es zu friedlichen Kontakten wie auch zu Konflikten mit ihnen kam, betrachteten die Indigenen das als Angelegenheiten zwischen ihrem Stamm und einer fremden Gruppe, nicht zwischen Amerikanern und Europäern insgesamt.

Eine Ereigniskarte aus einem Ravensburger-Spiel: Comanche, die Sprache der Komantschen, gehört zur Uto-aztekischen Sprachfamilie; der Apache Winnetou, der eine Na-Dené-Sprache sprach, hätte den Häuptling der Komantschen nicht verstanden.

Dass die amerikanischen Indigenen bis heute über kein Wort verfügen, das sie alle bezeichnet, heißt aber nicht, dass es falsch oder unangemessen wäre, wenn andere für ihre Zwecke ein solches Wort prägen. Die Europäer sahen mehr die Ähnlichkeiten der amerikanischen Ureinwohner untereinander als deren Unterschiede, denn es ist völlig normal, dass man kleine Unterschiede zu anderen Gruppen um so stärker wahrnimmt, je näher man ihnen selbst ist.

Fremdbezeichnungen sind ohnehin weit verbreitet. Betrachten wir das Beispiel, das uns am nächsten liegt, nämlich Deutschland und die Deutschen. Diese Wörter gehen auf ein Adjektiv diutisc oder theodisk zurück, das zum Volk gehörig hieß. Gemeint war die Sprache, also eine Volkssprache im Gegensatz zum Latein oder den daraus entstandenen romanischen Sprachen, wie sie die damals bereits christianisierten Europäer sprachen. Aus der Bezeichnung einer Sprache wurde schließlich ein Begriff für die Menschen, die sie sprachen, also die Deutschen, und das Land, in dem sie lebten, nannte man dem entsprechend Deutschland.

Die Deutschsprachigen des Mittelalters akzeptierten diese Bezeichnung für sich, aber in den Nachbarländern wurde sie selten aufgegriffen. In Skandinavien immerhin verwendet man das von theodisk abgeleitete Tysk und Tyskland. Italiener bezeichnen die Menschen und die Sprache als tedesco, aber das Land heißt Germania. Engländer kennen das auf diutisc zurückgehende Wort Dutch, mit dem aber die Niederländer gemeint sind, die ihrerseits von Duitsland sprechen.

Der Name für Deutschland in den europäischen Sprachen

Daneben sind viele vom lateinischen Germania abgeleitete Namen verbreitet, das vom griechischen Γερμανοί beziehungsweise dem lateinischen Germani für die dort lebenden Stämme kommt. Das Wort ist vom Ursprung her wohl keltisch und könnte die Nachbarn oder die Schreienden bedeuten – vielleicht ein Hinweis darauf, dass man ihre Sprache nicht verstand. So oder so führt diese Fremdbezeichnung in die Irre, denn die heutigen Deutschen stammen ja nicht nur von Germanen, sondern im Osten auch von Slawen und im Südwesten und Süden von Kelten ab, um nur die wichtigsten Ethnien unter unseren Vorfahren zu nennen. Viele Bezeichnungen für Deutschland und die Deutschen leiten sich vom Namen der Alemannen ab, der nur ein germanischer Stamm von vielen war. Ähnliches gilt für Saksa und Saksamaa, wie Deutschland auf Finnisch beziehungsweise Estnisch heißt; damit sind die Sachsen gemeint, einst eine lose Gruppierung von Stämmen im heutigen Westfalen, Niedersachsen und dem Westen von Sachsen-Anhalt. Auch Sachsen ist möglicherweise eine Fremdbezeichnung, die von diesen später selbst angenommen wurde. Problematischer sind in slawischen Ländern verbreitete Namen wie Niemcy (Polen) Nemecko (Tschechien und Slowakei) oder Niméččyna (Ukraine); auch die Ungarn haben mit Németország ein verwandtes Wort übernommen. Es bedeutet so viel wie Fremder, eigentlich aber Stummer – jemand, der nicht reagierte, wenn man ihn in einer slawischen Sprache ansprach.

Wir werden also mit Namen belegt, die sich teilweise auf einzelne Stämme wie die Alemannen oder Sachsen beziehen, mit denen viele von uns nichts zu tun haben (wollen), oder uns wahlweise als Schreiende oder Stumme verunglimpfen. Selbst die von uns selbst bevorzugte Bezeichnung verweist nur darauf, dass wir anders als die zivilisierteren Christen keine romanische Sprache sprechen. Wir könnten nun beleidigt reagieren und uns über Diskriminierung beklagen, wenn jemand ohne böse Absicht eines dieser Wörter gebraucht – aber andererseits, warum sollten wir?