Bilder und ihre Geheimnisse

11. November 2015, 13:44 Uhr

Was macht ein gutes Bild aus? Oder, präziser und vor allem persönlicher formuliert: Was fasziniert mich an einem Bild? Meine Lieblingsbilder sind oft solche, die mich irritieren – weil es etwas an ihnen gibt, das ich nicht verstehe.

Eines meiner Lieblingsbilder habe ich vor Jahren in Venedig entdeckt, in der Galerie dell’accademia. (Wenn Sie einmal nach Venedig kommen, sollten Sie die Accademia unbedingt besuchen. Sie ist leicht zu finden: Von San Marco kommend überqueren Sie den Canal Grande über die Ponte dell’Accademia und laufen dann am Dorsoduro-Ufer direkt darauf zu.) Nicht weit hinter dem Eingang, in einem der Räume rechts – wenn ich mich richtig erinnere und das Bild nicht mittlerweile umgehängt worden ist – hat ein Gemälde von Lorenzo Lotto (1480–1557) seinen prominenten Platz. Als Titel wird dort Ritratto di giovane gentiluomo angegeben, also Porträt eines jungen Edelmanns. In der Literatur findet man auch die Bezeichnungen Porträt eines jungen Gelehrten oder einfach Porträt eines jungen Mannes mit einem Buch, aber all diese Titel sind im Nachhinein vergeben worden und geben nur wieder, was der Betrachter darin zu erkennen meinte.

Porträt eines jungen Edelmannes, Lorenzo Lotto, um 1530

Weder die Identität des Dargestellten ist bekannt, noch der Auftraggeber oder der Anlass für das Porträt. Das allein macht ein Gemälde aber noch nicht geheimnisvoll – es gibt viele ganz langweilige Bilder, für die dasselbe gilt. Als ich vor dem Bild stand, hatte ich aber sofort den Eindruck, dass es mir eine Geschichte erzählen sollte, nur dass ich diese nicht verstand.

Dabei fehlt es nicht an Hinweisen; tatsächlich sind sie über das ganze Gemälde verstreut. Das Bild zeigt einen jungen Mann, im Stil der Zeit schwarz gekleidet, elegant und sicherlich teuer. Allerdings scheint er zur Nachlässigkeit zu neigen, denn beim linken Bein blitzt zwischen schwarzer Kniebundhose und schwarzem Strumpf etwas Haut auf. Hinter dieser Nachlässigkeit mag Absicht stecken – ganz sicherlich auf Seiten des Malers, der uns dieses Detail zeigt. Der junge Edelmann steht an einem Tisch und blättert gedankenverloren in einem dicken, in Leder gebundenen Buch, das darauf liegt. Er schaut aber nicht in dessen aufgeschlagene Seiten, sondern blickt den Betrachter an. Weiterhin liegen mehrere Briefe auf dem Tisch, und aus einem Beutel kullern goldene Schmuckstücke, die offenbar einer Frau gehören. Auch Blütenblätter sind dort verstreut und auf einem Tuch oder Schal sitzt eine Eidechse. Von einem Schrank baumelt eine Kette mit einem Schlüssel. Das sind lauter Details, die kaum zum typischen Inventar des Studierzimmers eines jungen Edelmanns gehören dürften und sicher Teil einer ganz spezifischen Geschichte sind – aber welcher?

Entsprechend meinen romantischen Neigungen würde ich gerne eine Liebesgeschichte dahinter sehen. Die Briefe wären dann Liebesbriefe und der Schmuck wäre für die Geliebte gedacht. Oder hat sie sein Geschenk verschmäht und wieder zurückgeschickt? Der ernste, melancholische Blick des jungen Mannes könnte so etwas nahelegen. Und was hat es mit dem Buch auf sich? Vielleicht ein Kassenbuch, weil sich der junge Mann um die Buchhaltung seiner Familie kümmert, wie es die Accademia vorschlägt? Mir dagegen fällt die tragische Geschichte von Francesca da Rimini und ihrem Schwager Paolo ein, wie sie Dante in der Divina Commedia erzählt, denn darin spielt ein Buch eine entscheidende Rolle: die Geschichte von Lancelot und Guinevere, Ehebrecher wie Paolo und Francesca. Welches Schloss könnte der Schlüssel öffnen und wofür steht die Eidechse, die ja zweifellos symbolisch zu interpretieren ist?

Aufgrund der knapp 500 Jahre, die mich von Lorenzo Lotto und seinem Bild trennen, fehlt mir der Hintergrund, um die doch recht aufdringliche Symbolik zu dekodieren. Der Maler hätte es erklären können, aber es ist zu spät, ihn zu befragen.