Nenn mich Heinrich

26. Januar 2026, 15:17 Uhr

Hatte sich Heinrich Böll von Herman Melville zu einer seiner Satiren über das Nachkriegs-Westdeutschland der 50er Jahre inspirieren lassen?

Heinrich Böll (Foto von Marcel Antonisse / Anefo) und Herman Melville (Gemälde von Joseph Oriel Eaton)

Kürzlich wollte ich etwas in Heinrich Bölls Kurzgeschichte Es wird etwas geschehen nachschlagen. Eigentlich nur die letzten beiden Sätze, aber am Ende las ich dann doch die ganzen 11 Seiten, und beim ersten Absatz fiel mir etwas auf, das ich bis dahin übersehen hatte. Dabei kannte ich die Geschichte gut; den 1958 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen schmalen Band Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren hatte ich schon Anfang der 1970er Jahre gekauft. Es wird etwas geschehen beginnt so:

Zu den merkwürdigsten Abschnitten meines Lebens gehört wohl der, den ich als Angestellter in Alfred Wunsiedels Fabrik zubrachte. Von Natur bin ich mehr dem Nachdenken und dem Nichtstun zugeneigt als der Arbeit, doch hin und wieder zwingen mich anhaltende finanzielle Schwierigkeiten – denn Nachdenken bringt sowenig ein wie Nichtstun –, eine sogenannte Stelle anzunehmen. Wieder einmal auf einem solchen Tiefpunkt angekommen, vertraute ich mich der Arbeitsvermittlung an und wurde mit sieben anderen Leidensgenossen in Wunsiedels Fabrik geschickt, wo wir einer Eignungsprüfung unterzogen werden sollten.

War das nicht ein ganz ähnlicher Einstieg wie der von Herman Melvilles Moby-Dick (1851)? Zwar mit Direktor Wunsiedel statt Captain Ahab und einer Stelle im mittleren Management einer Fabrik statt als Walfänger auf der Pequod, aber die Stimmung und die Lebenssituation des Arbeitssuchenden war im Grunde dieselbe. Hier der erste Absatz von Moby-Dick; or, The Whale:

Call me Ishmael. Some years ago – never mind how long precisely – having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world. It is a way I have of driving off the spleen, and regulating the circulation. Whenever I find myself growing grim about the mouth; whenever it is a damp, frizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off – then, I account it high time to get to sea as soon as I can.

Wenn der Anblick von Sarglagern Ishmael nachdenklich stimmt und er den Impuls verspürt, bei Trauerzügen die Nachhut zu bilden, korrespondiert das mit dem weiteren Schicksal von Bölls anonymem Erzähler. Er bekommt die Stelle in der Fabrik und entfaltet mit 13 Telefonen auf seinem Schreibtisch eine hektische Aktivität. Jeden Morgen schwört Wunsiedel seine Angestellten mit der Forderung „Es muss etwas geschehen!“ ein, so wie Ahab seine Mannschaft auf die Jagd nach dem weißen Wal, und ritualisiert antworten alle mit „Es wird etwas geschehen!“. Nach dem überraschenden Tod seines Chefs jedoch wird der Erzähler anlässlich der Trauerfeier als „geborener Trauernder“ entdeckt und von einem Beerdigungsinstitut abgeworben („Ihr Gesicht – einfach großartig!“):

Gleich nach meinem ersten berufsmäßigen Trauergang wußte ich: Hierhin gehörst du, das ist der Platz, der für dich bestimmt ist. (…) Hin und wieder auch besuche ich Wunsiedels Grab, denn schließlich verdanke ich es ihm, daß ich meinen eigentlichen Beruf entdeckte, einen Beruf, bei dem Nachdenklichkeit geradezu erwünscht und Nichtstun meine Pflicht ist.

Melvilles Ishmael überlebt den Untergang der Pequod als Einziger, auf dem leeren Sarg seines Freundes (oder Geliebten) Queequeg, den er als Rettungsboot nutzt, bis er von einem anderen Schiff aufgefischt wird.

Sollte das bloß eine zufällige Korrespondenz sein? Ich habe nichts über Bölls Moby-Dick-Lektüre gefunden. Dass er es nicht gelesen hätte, wäre schwer vorstellbar; Böll war mit der US-amerikanischen Literatur vertraut und hatte Salinger sowie O. Henry übersetzt. Ich bin mir daher sicher, dass es hier zumindest eine unbewusste Inspiration gab.

Ach ja, die anfangs erwähnten letzten zwei Sätze, die ich eigentlich nachschlagen wollte … In ihrer Lakonie sind sie wirklich gut:

Spät erst fiel mir ein, daß ich mich nie für den Artikel interessiert habe, der in Wunsiedels Fabrik hergestellt wurde. Es wird wohl Seife gewesen sein.