Ansgar wird nach Hamburg geschickt und findet sein Glück in Bremen
Die Hammaburg, eine relativ unbedeutende sächsische Burganlage am Rande des Reichs Karls des Großen und später die Keimzelle der Stadt Hamburg, geriet erstmals 834 in die Geschichtsbücher, um schon 11 Jahre später wieder für längere Zeit daraus zu verschwinden. Für beides war Ansgar verantwortlich, ein Benediktinermönch aus der Picardie, der schließlich Bischof von Bremen wurde.

Eine Burg an der Grenze
In seiner Hamburgischen Kirchengeschichte von 1075 beschrieb Adam von Bremen Hamburg als nobilissima civitas Saxonum, also als angesehenste Stadt der Sachsen, was fernab der Realität war. Die Annales Fuldenses sprachen 845 von „eine(r) Burg in Sachsen namens Hammaburg“. Im selben Absatz wird auch kurz und bündig „Paris“ erwähnt – der gebildete Leser der Annales wusste, welche Stadt mit „Paris“ gemeint war, aber „Hammaburg“ bedurfte einer Erklärung.
Wir wissen nicht, wann die Hammaburg gebaut wurde, von wem und zu welchem Zweck. Die lange Zeit populäre Legende, Karl der Große hätte ihren Bau angeordnet, haben Historiker und Archäologen widerlegt, denn tatsächlich war sie älter. Ihr Ursprung dürfte im 8. Jahrhundert gelegen haben, aber der Name des sächsischen Adligen, der diese befestigte Siedlung bauen ließ, ist nicht überliefert. Vermutlich war sie auch nicht sein Hauptsitz. Beim Überfall der Wikinger im Jahre 845 war sein Nachfolger Graf Bernhard (comes Bernharius, wie ihn Rimbert in seiner Vita Ankarii nennt) nicht vor Ort, um seine Burg zu verteidigen, und auch die Billunger, die später die Herrschaft über die Hammaburg ausübten, regierten ihre Grafschaft von Lüneburg aus. Die sächsischen Gebiete nordöstlich der Elbe waren ein Grenzland nahe den Siedlungsgebieten der Dänen in Schleswig und der slawischen Abodriten in Ostholstein und Mecklenburg (um die heute üblichen Bezeichnungen zu verwenden), und diese Nachbarschaft begünstigte den Handel, aber auch wiederholte kriegerische Auseinandersetzungen.
Nein, nicht die Sachsen
Wenn hier von Sachsen die Rede ist, sind nicht die Einwohner (oder deren Vorfahren) des heutigen Bundeslands Sachsen gemeint, die mit ihnen nur den Namen gemein haben. Die ursprünglichen Sachsen waren ein lockerer Verband germanischer Stämme, und Sachsen (die Bedeutung des Namens ist unsicher) war eine seit dem 4. Jahrhundert gebräuchliche Fremdbezeichnung, die sie später selbst für sich akzeptierten. Ihr Siedlungsgebiet umfasste das Gebiet des heutigen Bundeslands Niedersachsen – abzüglich Ostfrieslands, denn die friesischen Stämme waren seit jeher eigenständig – den Westen Sachsen-Anhalts, Westfalen sowie Nordalbingien, den aus Dithmarschen, Holstein und Stormarn bestehenden Streifen zwischen Eider und Elbe, in dem auch die Hammaburg lag. Die Gebiete der seit dem 5. Jahrhundert in Britannien eingewanderten Sachsen dagegen werden gewöhnlich nicht dazu gezählt.
Der Frankenkönig und spätere Kaiser Karl der Große (747–814) hatte die heidnischen Sachsen in einer Serie blutiger Kriege (772–804) unterworfen und zwangsweise christianisiert. Was beides auf dasselbe hinaus lief, denn wer den Gott der Christen anerkannte, musste auch Karl als seinen weltlichen Herrscher akzeptieren – und umgekehrt. Dass Karl die Sachsen als „treulos“ empfand, dürfte darauf zurückgehen, dass es keinen Stamm der Sachsen gab, sondern eben nur einen losen Verband unabhängiger Stämme. Hatte der eine Stamm seinen Frieden mit den Franken geschlossen, konnte sie ein anderer Stamm, der sich daran nicht gebunden fühlte, unvermittelt wieder angreifen. Die letzten Schlachten der Sachsenkriege wurden mit den Nordalbingiern geschlagen und ab 804 gehörte dann auch die sächsische Hammaburg offiziell zum Frankenreich.

Das fränkische Kaiserreich – am 25. Dezember 800 hatte sich Karl durch einen von ihm abhängigen Papst zum römischen Kaiser krönen lassen – umfasste einen großen Teil West- und Südeuropas, von Westdeutschland über die Niederlande, Belgien, Frankreich und der nördlichen Hälfte Italiens bis zu Teilen Spaniens von den Pyrenäen bis Barcelona. Von Karls Hauptresidenz in Aachen gesehen lag die Hammaburg an der Peripherie seines Reichs, und es ist nicht sicher, ob er überhaupt von ihrer Existenz wusste.

Die Hammaburg war eine für ihre Zeit recht gewöhnliche Konstruktion, wie man sie auch bei anderen germanischen und slawischen Burgen in der Umgebung findet. In der ersten Bauphase bestand sie aus einem Erdwall mit etwa 50 Metern Durchmesser, gekrönt vermutlich von Palisaden. Innerhalb des Walls werden einige einfache Häuser gestanden haben, die archäologisch jedoch nicht mehr nachweisbar sind. Um 820 herum wurde die Burg vergrößert, maß danach rund 70 Meter und war durch einen umlaufenden Graben geschützt. Die auf einem Geestsporn zwischen Alster und Elbe gelegene Befestigung war von einer kleinen Siedlung, dem sogenannten Wik umgeben, und es dürfte auch bereits einen kleinen Hafen gegeben haben, aber das sind nur plausible Spekulationen und archäologisch nicht mehr zu bestätigen. Nachdem im 11. Jahrhundert an Stelle der Burg der erste Dom und schließlich im 19. Jahrhundert die Gelehrtenschule Johanneum errichtet worden war, waren die meisten Spuren davon zerstört. Schriftliche Zeugnisse zur Frühzeit der Hammaburg gibt es nicht, und so trat sie erst 834 für einige Jahre in das Licht der Geschichte, als der Mönch Ansgar dort sein Basislager für die Missionierung Skandinaviens aufschlug.
Ansgar, der gescheiterte Märtyrer

Nach dem Tod Karls des Großen 814 hatte sein Sohn Ludwig (genannt der Fromme) das Reich geerbt. Von seinem Vater übernahm er auch dessen nicht mehr verwirklichten Plan, das Christentum weiter nach Norden zu verbreiten und Dänemark und Schweden zu missionieren. 826 ergab sich dazu eine besondere Gelegenheit, denn der ehemalige Dänenkönig Harald war in einem Erbfolgestreit abgesetzt worden und kam zu Ludwig, um sich und seine verbliebenen Getreuen taufen zu lassen. Auf diese Weise hoffte er sich den Beistand des Kaisers bei der Rückeroberung der Königswürde zu sichern. Ludwig ließ sich darauf ein und suchte einen Freiwilligen, der Harald begleiten und sich um die Bekehrung der Dänen kümmern sollte. Ihm wurde ein junger Mönch namens Ansgar (damals meist Anskar geschrieben) empfohlen, der keine Angst zeigte, sich dieser gefährlichen Aufgabe zu widmen.
Ansgar (801–865) stammte aus der Picardie. Seine Mutter war früh gestorben und sein Vater hatte den Fünfjährigen in die Obhut des Benediktinerklosters Corbie bei Amiens gegeben, wo es eine Klosterschule gab. Dort erwies er sich als besonders intelligent, und er unterrichtete bald selbst die anderen Schüler, durchweg Söhne von Adligen. Als das Kloster eine Dependance in Sachsen gründete, das Kloster Corvey bei Höxter, wurde Ansgar Rektor von dessen angeschlossener Schule. Sein Biograf Rimbert (830–888) berichtete, Ansgar seien in einem Traum Hölle und Himmel gezeigt worden, und eine Stimme hätte ihm befohlen: „Gehe hin, und mit der Märtyrerkrone geschmückt wirst du zu mir zurückkehren“. Zwar wurde Ansgar 64 Jahre alt und starb danach friedlich in seinem Bett, aber Rimbert, auf Ansgars baldige Heiligsprechung bedacht, verbreitete das Narrativ, er hätte in seinem Leben so viele Rückschläge erfahren, dass es ein einziges Martyrium gewesen sei.
In seinem Wunsch nach dem Märtyrertod ging Ansgar jedenfalls gerne nach Dänemark, nur war seine Mission nicht so erfolgreich wie erhofft. Zwar gelangen ihm eine Reihe von Bekehrungen, aber Harald wurde bald wieder aus Dänemark vertrieben und musste sich nach Friesland zurückziehen; für die Dänen-Mission war er danach kein Aktivposten mehr. Auf einem weiteren Einsatz als Missionar im Jahre 830, diesmal bei den Schweden, wurde Ansgars Schiff von Piraten überfallen, die alle Geschenke raubten, mit denen er König Björn hätte günstig stimmen sollen. Als er ihn nach einer längeren Reise zu Fuß endlich auf der Insel Birka im Mälarsee erreichte, hörte der ihn auch so an, und Ansgar durfte dort das Evangelium predigen. Erfolg hatte er damit aber nur bei wenigen, und nach anderthalb Jahren kehrte er zurück.

Ludwig hielt dennoch weiter zu ihm und installierte Ansgar als Missionsbischof für Skandinavien. Nicht als ordentlichen Bischof mit eigenem Bistum also, vielmehr hätte er sich missionierenderweise sein eigenes Bistum schaffen können. Als Ausgangspunkt seiner Reisen in den Norden sollte die Hammaburg dienen. Auch für die Finanzierung von Ansgars Mission sorgte Ludwig, denn er gab ihm das Kloster Torhout in Westflandern als Pfründe – der Gewinn, den das Kloster erwirtschaftete, sollte Ansgar zugute kommen. Laut Adam von Bremen wurde das 832 auf einer Synode in Thionville beschlossen, aber diese Datierung ist zweifelhaft. Wahrscheinlicher ist ein zwei Jahre späteres Datum, und auf jeden Fall reiste Ansgar erst 834 mit einer ungenannten Zahl von Mitbrüdern nach der Hammaburg.
Exkurs: Globalisierung im frühen Mittelalter
Wer in den Kategorien der heutigen Nationalstaaten denkt, dem erscheint dieses Missionsprojekt vielleicht überraschend: Ein in Aachen residierender Kaiser schickt einen französischen Mönch nach Norddeutschland, um von dort aus in Dänemark und Schweden das Christentum zu verbreiten, finanziert von einem belgischen Kloster und mit dem Segen des Papstes in Rom. Nur gab es damals keine Nationalstaaten, sondern König- und Kaiserreiche. Auch diese hatten Grenzen, doch waren sie nicht unverrückbar, sondern abhängig davon, in welchem Gebiet ihr Herrscher gerade seinen Willen durchsetzen, also insbesondere Steuern eintreiben und Frondienste einfordern konnte. Ethnische Zugehörigkeit, Kultur and Sprache mussten in einem Reich nicht einheitlich sein, und sie waren es um so seltener, je weiter sich das Reich ausdehnte. Das Frankenreich Karls des Großen und Ludwigs des Frommen war groß, und man konnte weit reisen, ohne seine Grenzen zu überschreiten.

Mönche und andere Männer der Kirche waren sehr mobil; sie fanden überall ein Kloster, in dem sie Unterkunft und Verpflegung bekamen, und mit Latein als Lingua franca konnten sie sich oft unter Ihresgleichen verständigen, nachdem Karl der Große den Lateinunterricht an allen Klosterschulen seines Reichs besonders gefördert hatte. Auch in Gasthäusern an den Fernhandelswegen wurde eine Bestellung auf Latein wohl meist verstanden – Küchenlatein im wahrsten Sinne des Wortes. Lingua franca ist hier wohlgemerkt im übertragenen Sinne zu verstehen, denn die eigentliche fränkische Sprache, wie sie auch Karl der Große und Ludwig der Fromme zu Hause sprachen, war ein westgermanischer Dialekt.
Schwieriger fiel die Verständigung mit zu bekehrenden Heiden. Ob Ansgar die Sprachen der Dänen und Schweden gesprochen hatte, ist nicht überliefert; wahrscheinlich musste er auf Dolmetscher zurückgreifen. Es ist auch nicht sicher, ob sich Ansgar wenigstens mit den Hamburgern in deren Altsächsisch unterhalten konnte. Allerdings könnte er es in Corvey gelernt haben, wo zu seiner Zeit auch ein altsächsisches Evangelium entstand: „ia gi than themu hêrron, the thie hoƀos êgi, selƀon seggiad, that ik iu sende tharod te gigaruuuenne mîna gôma“ („Geht dann zu dem Herren, dem der Hof gehört, und sagt ihm selbst, dass ich euch sende, mein Gastmahl zu richten“). Rimbert hat leider nicht berichtet, wie Ansgar Verständigungsprobleme überwand.
Ebo macht Karriere und verzockt sich
Doch warum hatte Ludwig ausgerechnet die Hammaburg als Basis für Ansgars Mission bestimmt? Schließlich hätte es eine naheliegendere Wahl gegeben – die Burg Esesfelth bei Itzehoe, die eine ähnliche Größe wie die Hammaburg hatte und die schon seit 809, noch zu Zeiten Karls des Großen, als Ausgangspunkt für die Missionierung des Nordens ausgewählt worden war. In der Cella Welanao (heute Münsterdorf), einem 822 gegründeten kleinen Kloster nahe der Burg, lebten eine Handvoll Mönche, die die Bekehrung der Skandinavier unterstützen sollten.
Rimbert, Ansgars Schüler, Biograf und Nachfolger im Bischofsamt, sagte es in seiner Vita Anskarii nicht ausdrücklich, aber gab subtile Hinweise auf den Grund, weshalb sich Ludwig gegen Esesfelth und stattdessen für die Hammaburg entschieden hatte. Es hing mit Ebo von Reims zusammen, einer in dieser Geschichte immer wieder auftretenden Nebenfigur, die bis zu ihrem selbst verschuldeten Karriereknick zu Höherem berufen schien.
Ebo kam aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war leibeigener Bauer auf einem Hof Karls des Großen gewesen, während er selbst vom Kaiser in den Stand eines Freien erhoben worden war. Ebo war 778 geboren, genauso wie Karls Zwillingssöhne Ludwig und Lothar, und er galt als Ludwigs Milchbruder. Darunter verstand man einen nicht verwandten Jungen, der von derselben Frau gestillt worden war – möglicherweise war Ebos Mutter Himiltrudis auch die Amme Ludwigs gewesen. Die beiden kannten sich also von frühester Kindheit an und waren trotz des großen Standesunterschieds miteinander vertraut. Der ebenso ehrgeizige wie intelligente Ebo machte schnell Karriere; 814 wurde er Abt und schon zwei Jahre später setzte ihn Ludwig als Erzbischof von Reims ein. Wie ungewöhnlich ein solcher gesellschaftlicher Aufstieg war, erkennt man daran, dass Ebo damals der einzige Erzbischof war, der nicht aus dem Adel stammte.
822 erhielt Ebo von Kaiser Ludwig und Papst Paschalis I. den Auftrag zur Missionierung des Nordens, wozu er die erwähnte Cella Welanao bei Esesfelth bauen ließ. Es stellt sich also nicht nur die Frage, warum Ansgar, 12 Jahre später, die Hammaburg statt Esesfelth als Basislager zugewiesen bekam – schon dass Ansgar geschickt wurde, bedarf einer Erklärung, da dies doch die Aufgabe Ebos gewesen wäre. Warum wurde er übergangen?
Auf welcher Seite stehst Du?

Ludwig hatte drei Söhne aus erster Ehe, Lothar, Pippin und Ludwig (später genannt der Deutsche), und mit Karl (genannt der Kahle) einen weiteren Sohn von seiner zweiten Frau Judith, die er 819 geheiratet hatte. Seine erste Fassung einer Nachfolgeregel sah vor, dass Lothar als ältester Sohn die Kaiserwürde erben sollte; Pippin und Ludwig Junior würden ihm untergeordnet sein. Nach der Geburt Karls sollte aber auch dieser einen Teil des Reichs erhalten, was zu Konflikten zwischen den Söhnen führte.


830 und noch einmal 833 kam es zu einem Putsch eines Teils der Söhne gegen ihren Vater. Judith wurde erst nach Poitiers, dann nach Tortona verbannt, Karl verhaftet und Ludwig zur Abdankung gezwungen. Damit schien das Ende seiner Herrschaft besiegelt zu sein, aber die Stimmung im Reich wendete sich schließlich erneut zu seinen Gunsten und im März 834 wurde er feierlich als Kaiser wiedereingesetzt. Karl kam wieder frei und Judith durfte nach Aachen zurückkehren.
Und Ebo von Reims? Er hatte seinem einstigen Milchbruder viel zu verdanken gehabt, sich aber ab 831, zu einem Zeitpunkt, als Ludwig nur wenige Freunde geblieben waren, auf die Seite seiner Gegner gestellt. 833 zwang er Ludwig, ein von ihm verfasstes Schuldbekenntnis zu verlesen. Nach Ludwigs Rehabilitierung versuchte Ebo zu fliehen, wurde aber gefangengenommen und in Fulda inhaftiert. Er leistete Abbitte, doch Ludwig verzieh ihm nicht. Nach dessen Tod 840 kam Ebo mit Lothars Hilfe noch einmal für kurze Zeit nach Reims zurück, musste aber bald vor Lothars Halbbruder Karl fliehen und wurde schließlich, nachdem er sich auch mit Lothar überworfen hatte, mit dem Bistum Hildesheim abgespeist. Angesichts seiner Taten war die Degradierung zum Bischof eine erstaunlich milde Strafe; angeblich hatte sich Ansgar für ihn eingesetzt. Ebos weitere Versuche, wieder als Erzbischof von Reims anerkannt zu werden, blieben erfolglos, und 851 starb er.
834, als die Missionstätigkeit in Skandinavien wiederaufgenommen werden sollte, war Ebo also für Ludwig eine persona non grata. Seine Rolle als Missionslegat hatte er ausgespielt, weshalb nun Ansgar diese Aufgabe übernehmen sollte. Esesfelth und die Cella Welanao gehörten noch immer Ebo und kamen daher nicht als Basislager für Ansgar in Frage, und so fiel die Entscheidung für die Hammaburg – unbedeutend, weithin unbekannt, aber eben auch unbelastet durch eine Verbindung mit Feinden Ludwigs. Hätte Ebo nicht zum falschen Zeitpunkt die Seiten gewechselt und seinen Gönner verraten, würde heute vielleicht niemand mehr wissen, dass es an der Elbe einmal eine Hammaburg gegeben hatte.
Die Wikinger kommen!
Da es in der Hammaburg noch nicht einmal eine Kirche gab, musste Ansgar erst eine bauen, was ihm dank der Mittel, die ihm aus Torhout zuflossen, problemlos möglich war. Nach Überresten dieser angeblich dreischiffigen hölzernen Kirche wurde bis heute vergeblich gesucht. Innerhalb des Burgwalls, wo man sie lange vermutet hatte, gibt es keinen Hinweis darauf, und sicher wäre dort auch gar nicht genug Platz gewesen. Die Kirche wird außerhalb der Burg errichtet worden sein, etwa dort, wo jetzt die Petrikirche steht. Diese 1195 erstmals erwähnte und damit Älteste der Hamburger Hauptkirchen könnte tatsächlich als Nachfolgebau von Ansgars Kirche anzusehen sein. Grabungen in diesem Gebiet, also unter St. Petri und der Straße Speersort, waren aber bislang nicht möglich. Auch ein Kloster und eine Klosterschule soll Ansgar errichtet haben, wofür es aber ebenfalls keinen materiellen Beleg gibt. Dass die Gebeine der frühchristlichen Heiligen Sixtus und Sinnitius dort verwahrt worden wären, berichtete, mehr als zwei Jahrhunderte später, Adam von Bremen in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte; Rimbert erwähnte nur ganz allgemein Reliquien, über die Ansgar verfügt hätte.
Ausgehend von der Hammaburg unternahm Ansgar nach 834 weitere Missionsreisen nach Skandinavien, weiterhin ohne tiefgreifende Erfolge. Zwei Ereignisse in den Jahren 843 und 845 zwangen ihn allerdings dazu, Hamburg endgültig zu verlassen und sich neu zu orientieren.

Als Ludwig der Fromme 840 starb, war die Erbfolge nach wie vor nicht endgültig geregelt und seine verbliebenen drei Söhne – Pippin war schon zwei Jahre zuvor gestorben – erhoben widerstreitende Ansprüche. 843 gelang es, den Streit auf diplomatischem Wege zu schlichten, und im Vertrag von Verdun wurde das Frankenreich unter den Brüdern aufgeteilt. Karl der Kahle bekam das Westfrankenreich, Ludwig der Deutsche das Ostfrankenreich und Lothar das mittlere Reich, das von Friesland bis nach Italien reichte, und dazu die Kaiserkrone. Aus Karls Reichsteil entstand später Frankreich, während Ludwigs Ostreich zur Keimzelle des sogenannten Heiligen Römischen Reichs und noch viel später Deutschlands wurde. Das mittlere Reich zerfiel im weiteren Lauf der Geschichte; seine italienischen Teile wurden unabhängig und die übrigen teils dem West- und teils dem Ostreich zugeschlagen; nur der Name Lothringen erinnert heute noch an Lotharingia, das Reich Lothars.
Die populären Beinamen Karls und Ludwigs führen übrigens in die Irre. Karl dem Kahlen mangelte es nicht an Haaren, sondern an Land – der Name spielt auf die Auseinandersetzungen um das Erbe an, in denen er zeitweise leer auszugehen drohte. Ludwig der Deutsche wurde erst seit dem 18. Jahrhundert so genannt, und er war so wenig Deutscher wie Karl Franzose war, denn solche Begriffe wären anachronistisch. Im 9. Jahrhundert kannte man zwar schon das Wort theodiscus, aus dem später deutsch wurde, aber damit war eine germanische Sprachfamilie gemeint, keine Volksgruppe.
Mit der Reichsteilung ging auch eine Entsolidarisierung einher – jeder der drei Brüder hatte nur noch das Wohl seines eigenen Reichs im Sinn. Das hatte auch Konsequenzen für Ansgar: Seine Pfründe, das Kloster Torhout in Flandern, lag in Karls Westreich, und Karl sah nicht ein, warum dessen Einnahmen Missionsbestrebungen eines Mönchs im Ostreich zugute kommen sollten. Dass Ansgar selbst aus dem Westreich stammte und sein Adlatus Rimbert sogar aus Torhout selbst, spielte keine Rolle. Damit brach Ansgars wirtschaftliche Basis weg, was um so einschneidender war, als der jüngere Ludwig weniger Interesse an der Missionierung des Nordens als sein Vater zeigte. Von ihm war keine Kompensation der ausbleibenden Unterstützung aus Torhout zu erwarten.
Nachdem Ansgar realisiert hatte, was die politischen Verwerfungen im Frankenreich für ihn bedeuteten, kam der nächste Tiefschlag. 845 fuhren Wikinger mit ihren Booten die Elbe herauf und griffen die Hammaburg an. Im selben Jahr hatten andere Wikinger das ungleich reichere Paris belagert, das sich freikaufen und so einer Plünderung entgehen konnte. Die Hammaburg hatte keine solche Chance und da ihr Besitzer Graf Bernhard zu diesem Zeitpunkt nicht vor Ort war, blieb sie praktisch unverteidigt. Die Hammaburg und ebenso Ansgars Kirche und Kloster wurden niedergebrannt; die Einwohner mussten fliehen oder wurden umgebracht. Dieser Überfall zielte wohl nicht allein auf Raub ab, sondern war eine gezielte, vom dänischen König Horich I. geplante Aktion. Horich, der erfolgreichere Konkurrent des oben erwähnten Harald, wollte den Einfluss der Franken auf Nordalbingien zurückdrängen – jedenfalls sah es Ludwig so, der vom Dänenkönig Schadensersatz forderte. Die zeitgenössischen Annales Fuldenses vermerken in einer Passage zu verschiedenen Wikinger-Überfällen des Jahres 845: „Auch eine Burg in Sachsen namens Hammaburg plünderten sie und kehrten nicht ungestraft zurück.“
Die Archäologen haben bei ihrer jüngsten Grabung (2005–2006) keinen durchgehenden Brandhorizont im Bereich der Burg gefunden, wie man ihn bei einer solchen Katastrophe erwarten würde. Allerdings spricht auch Rimbert zwar von „Brandschatzung“, erwähnt aber im Einzelnen nur Ansgars Bauten: „Da wurde die … kunstreiche Kirche und der prächtige Klosterbau von den Flammen verzehrt. Da ging mit zahlreichen anderen Büchern die unserem Vater vom erlauchtesten Kaiser geschenkte Prachtbibel im Feuer zugrunde.“ Kirche, Kloster und Bibliothek wurden, wie erwähnt, noch nicht gefunden, und weitere Grabungen könnten Rimbert bestätigen.
Wohin fliehen?
Die Menschen in der Hammaburg und im Wik suchten ihr Heil in der Flucht, und das galt auch für Ansgar und seine Mönche. Er sann „nur noch auf Rettung der ihm anvertrauten heiligen Reliquien; seine Geistlichen zerstreuten sich auf der Flucht nach allen Seiten, er selbst entrann ohne Kutte nur mit größter Mühe. Auch die Bevölkerung, die aus der Burg entrinnen konnte, irrte flüchtend umher; die meisten entkamen, einige wurden gefangen, sehr viele erschlagen.“ Und dann? Rimbert betonte nur noch einmal, dass Ansgars Mönche hierhin und dorthin irrten, ohne irgendwo Ruhe zu finden. Von einer Rückkehr nach Hamburg war keine Rede, obwohl er auch erwähnte, dass die Dänen nach zwei Tagen wieder verschwunden seien. Vielleicht war Ansgar ja sofort klar, dass er einen Wiederaufbau ohne die Mittel aus Torhout nicht würde finanzieren können, aber was war dann sein Plan B?
Adam von Bremen, der seine Hamburgische Kirchengeschichte 1075, also mehr als zwei Jahrhunderte später schrieb, hatte vorgeblich mehr über Ansgars Flucht vor den Wikingern gewusst, aber auf welche Quellen er sich dabei stützte, ist unklar; die einzigen bekannten Gewährsleute waren ja Ansgar und sein Biograf Rimbert. Möglicherweise gab Rimbert in der Vita Anskarii einen Bericht Ansgars wieder; ob er die Ereignisse des Jahres 845 selbst miterlebt hatte, wissen wir nicht. Ansgar war Rimbert einst in Torhout begegnet, als der noch ein Kind war, und ihn dort unter seine Fittiche genommen; 845 – Rimbert wird da 15 gewesen sein – könnte er sich in Ansgars Gefolge in der Hammaburg befunden haben. Da Rimbert in der Vita Anskarii aber nie von sich sprach, auch nicht, wenn es um Ereignisse ging, bei denen er offensichtlich anwesend war, lässt sich die Frage nicht definitiv beantworten.
Adam von Bremen, woher auch immer er seine Informationen hatte, behauptete jedenfalls, Ansgar wäre auf der Flucht zu einer Adligen namens Ikia in Seevetal gelangt, die ihn freundlich aufgenommen hätte. Sie hätte Ansgar später Ramelsloh geschenkt, eines ihrer Gehöfte, und dort hätten Ansgar und seine Mönche, aber auch die Reliquien von St. Sixtus und Sinnitius, die Ansgar laut Adam von Bremen vor den Wikingern gerettet hätte, eine neue Heimstatt gefunden. Eine Urkunde, die die Schenkung von Ramelsloh beweisen sollte, ist eine Fälschung aus dem 11. Jahrhundert, und dass Ramelsloh erstmals 937 (als Rhamaslahun) erwähnt wird, lässt eine frühere Schenkung ohnehin unwahrscheinlich erscheinen. Tatsache ist allerdings, dass es in Ramelsloh eine Kirche gibt, die St. Sixtus und Sinnitius gewidmet ist. Der Hintergrund ist wohl, dass Ramelsloh, das im Gebiet des Bistums Verden lag, später dem Bremer Erzbischof gehörte, und die Geschichte von Ikia – über die weiter nichts bekannt ist – wurde wohl erfunden, um diesen Umstand zu begründen und möglichen Ansprüchen von Verden zu begegnen.
Über den Fluss und nach Bremen
Hamburgern ist es ohnehin klar, aber im Zweifelsfall genügt ein Blick auf eine Landkarte für die Erkenntnis, dass Ansgar auf dem Weg von der Hammaburg nach Seevetal die Elbe überqueren musste. Wohlgemerkt während dort noch die Boote der marodierenden Wikinger vor Anker lagen. Wie der Flusslauf damals aussah, wissen wir nicht genau, denn aus dieser Zeit gibt es keine Karten. Wahrscheinlich lag dort – wie auch später in der frühen Neuzeit – ein Archipel kleiner Inseln; die Elbe war kein breiter Strom, sondern verzweigte sich in eine Vielzahl kleinerer Flussarme. Dennoch wird sie durch ihre tückischen Strömungen für Schwimmer ebenso gefährlich wie heute gewesen sein. Nur wenige Menschen konnten damals überhaupt schwimmen, und davon, dass es Ansgar gelernt hätte, wird nirgendwo berichtet. Auf der Flucht vor den Wikingern, mit den Gebeinen zweier Heiliger im Gepäck, wäre er auf einen Fischer angewiesen gewesen, der ihn übergesetzt – und nicht angesichts der Wikinger das Weite gesucht – hätte. Auf diese Schwierigkeit ging Adam von Bremen allerdings nicht ein. Wahrscheinlicher ist, dass die Flüchtenden zunächst auf der rechten Seite der Elbe blieben, denn die Wikinger, ohnehin vollauf mit Plündern beschäftigt, hätten sich wohl nicht weit von ihren Schiffen entfernen wollen und ihnen nicht nachgesetzt.
Adams Version ging aber noch weiter: Ansgar hätte, notgedrungen zu Fuß, die gut 100 Kilometer nach Bremen zurückgelegt und dort in seiner Not um Aufnahme gebeten. Der Bremer Bischof Leuderich, neidisch auf Ansgars Gelehrsamkeit und Verdienste, hätte ihn jedoch weggeschickt. Ob dies vor oder nach Ansgars Aufenthalt bei Ikia geschehen sein sollte, ließ Adam offen.
Bischof verzweifelt gesucht … und gefunden
Wie Ansgars Flucht auch immer verlief – fest steht, dass er noch im selben Jahr 845 (aber nach dem Abzug der Wikinger) nach Bremen kam und dass der dortige Bischof am 24. August desselben Jahres starb. Das Bistum Bremen war also ohne Bischof und in der Person Ansgars zufällig ein Kirchenmann in der Stadt, auf den die Stellenausschreibung passte.
Für die Neubesetzung der Bischofsamts wäre der Erzbischof von Köln zuständig gewesen, dem Bremen unterstellt war – es war ein sogenanntes Suffraganbistum des Kölner Erzbistums – aber laut Rimbert war das Amt des Kölner Erzbischofs zu dieser Zeit ebenfalls vakant. Tatsächlich verzeichnet beispielsweise die Liste von Erzbischof Willibert zwischen 842 und 850 keinen Erzbischof von Köln, doch war die Sache komplizierter. Das rechtsrheinische Gebiet bei Köln war zwischen Lothar und Ludwig umstritten und beide versuchten, einen eigenen Kandidaten als Erzbischof durchzusetzen. König Ludwig unterstützte Liutbert, während Lothar Hilduin favorisierte. Erst 850 einigte man sich auf den Kompromisskandidaten Gunthar, einen Neffen Hilduins. 845 hatte Köln also keinen von allen anerkannten Erzbischof, und diesen Umstand nutzte Ludwig aus, um Ansgar handstreichartig zum Bremer Bischof weihen zu lassen – eine Entscheidung, die Gunthar später mehr oder minder freiwillig bestätigte. So war Ansgar endlich ein regulärer Bischof mit eigenem Bistum geworden, wobei ihm sein Amt als Missionsbischof für Skandinavien erhalten blieb. Er verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Bremen, wo er einerseits seinen Pflichten als Bischof nachkam, aber weiterhin auch längere Reisen nach Dänemark und Schweden unternahm, um die dortigen Heiden zu bekehren, wie gewohnt mit geringem Erfolg. Nach Hamburg kehrte er nicht mehr zurück; Adam von Bremen erwähnt nur noch einen kurzen Besuch, bei dem er den Hamburgern zum Vorwurf machte, Christen in die Sklaverei zu verkaufen.
Hamburg nach 845
Nur 11 Jahre nach seiner Ankunft dort hatte Ansgar das Interesse an Hamburg verloren. Den größten Teil dieser 11 Jahre war er ohnehin auf Missionsreisen gewesen; seine insgesamt in Hamburg verbrachte Zeit dürfte in Monaten zu messen gewesen sein. Auch Graf Bernhard kümmerte sich nicht weiter um seine zerstörte Burg, und so verschwand Hamburg erneut für Jahrzehnte aus den Geschichtsbüchern.
Das heißt wohlgemerkt nicht, dass dort niemand mehr lebte. Wie die Archäologen herausfanden, blieb der Ort weiter besiedelt. Die zerstörte Burg wurde geschleift und auf dieser Fläche neue Häuser gebaut, wohl überwiegend einfache Grubenhäuser. Hamburg blieb ein lokales Zentrum von Handel und Handwerk, was freilich nicht ausreichte, das Interesse zeitgenössischer Geschichtsschreiber zu wecken, so dass die Jahrzehnte bis zum Ende des 9. Jahrhunderts ein dunkles Zeitalter sind.
Ansgars Bedeutung für Hamburg wurde lange überschätzt. Er ging dorthin, weil ihm dieser Ort angewiesen worden war, verbrachte dann die meiste Zeit auf Reisen und kehrte Hamburg endgültig den Rücken, als seine Unterstützung am nötigsten gewesen wäre, denn Bremen bot ihm bessere Chancen. Aber obwohl Ansgar zu Lebzeiten wenig an Hamburg gelegen hatte und er es in einem schlechteren Zustand verließ, als er er es vorgefunden hatte, brachte es der tote Ansgar wieder zurück in die Geschichte. Oder vielmehr taten das seine Nachfolger in Bremen, wovon die nächste Folge dieser Reihe handeln wird: „Hamburg war eine Erfindung der Bremer“.
