Hamburg war eine Erfindung der Bremer
Nachdem Ansgar auf der Flucht vor den Wikingern Hamburg verlassen hatte und 847 Bischof von Bremen geworden war, wurstelten sich die Hamburger in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts auch ohne ihn weiter durch. Hamburgische Geschichte wurde nun in Bremen geschrieben, aber das war eine alternative, weitgehend fiktive Geschichte, von der man in Hamburg selbst nichts ahnte. Die Bremer planten ein aufwendiges Betrugsmanöver, mit dem sie am Ende erfolgreich waren, aber zu welchem Zweck?

Kein Zeitgenosse hat davon berichtet, was die Hamburger von Ansgars Abgang hielten, aber sie werden ihn kaum vermisst haben. Er war ja ohnehin selten vor Ort gewesen, weil ihn sein Missionsauftrag immer wieder für viele Monate nach Skandinavien geführt hatte; auch die Abtei Torhout hatte er wohl mehrmals besucht. Seine Bauten, eine Kirche, ein Kloster und eine Bibliothek, waren niedergebrannt, aber hatte man sie überhaupt jemals gewollt? Nominell waren die Hamburger Christen, doch schließt das nicht aus, dass manche weiter ihre alte Religion praktizierten, über die aufgrund der dünnen Quellenlage kaum etwas bekannt ist.

Falls die Hamburger im Wortsinne über den Tellerrand schauten – denn ob man auch morgen noch etwas zu essen haben würde, dürfte ihre brennendste Sorge gewesen sein –, waren sie wohl ganz froh darüber, nicht länger im Fokus der großen Politik zu stehen. Hatten die Dänen nicht vor allem deshalb angegriffen, weil ihnen der Drang des Frankenreichs nach Norden nicht geheuer war? Den hatte Ansgar als Missionsbischof für Skandinavien verkörpert, aber nun war er weg. Mit etwas Glück würde die zerstörte Hammaburg künftig gar nicht mehr gebraucht werden, und so hatten die Bürger deren Reste geschleift, um Platz für Häuser zu schaffen. Was dort in den folgenden Jahren passierte, interessierte nur die Hamburger, und so verlassen wir sie an dieser Stelle und wenden uns nach Bremen, wo Ansgar Bischof geworden war.
Ansgar im Glück – in Bremen
Mit Ansgars Bestellung zum Bischof von Bremen, einer Gelegenheit, die sich rein zufällig ergeben hatte, waren all seine Probleme gelöst. Der Flüchtling vor den Wikingern hatte wieder ein Dach über dem Kopf und durch sein Bischofsamt eine neue Einnahmequelle; auf die Unterstützung durch seine verlorene Pfründe, das Kloster Torhout, war er nicht mehr so dringend angewiesen. Die Missionierung des Nordens konnte er weiter als Hobby betreiben, wobei König Ludwig vermutlich für die Reisespesen aufkam. Mit Hamburg hatte Ansgar abgeschlossen; er sah sich nur noch als Bremer, und so beschrieb er sich auch in seiner Biografie Willehads, des ersten Bremer Bischofs.

Nach seinen 11 Jahren als Missionsbischof in Hamburg lebte Ansgar 20 Jahre in Bremen, zunächst nur als aussichtsreichster Anwärter auf das Bremer Bischofsamt. Die Wartezeit bis zur offiziellen Weihe zog sich mindestens bis zur Synode in Mainz im Jahre 847 hin und Papst Nikolaus I. akzeptierte sie förmlich erst 864.
849 reiste Ansgar von Bremen aus erstmals wieder nach Dänemark. Von seiner letzten Reise in den Norden kehrte er 854 zurück; danach war er gesundheitlich nicht mehr zu solchen Strapazen in der Lage. 865 starb er schließlich nach langer Krankheit. Manche Autoren haben über Dysenterie (Ruhr) spekuliert, was aber nicht zu einer langjährigen Leidenszeit passt. Auch wenn Ansgar entgegen der Traumvision in seiner Jugend schließlich doch kein Martyrium erlitten hatte, wurde er schon 867 heilig gesprochen, wohl auf Betreiben Rimberts. Angeblich war auch Papst Nikolaus I. daran beteiligt gewesen, der noch im selben Jahr starb, aber zu dieser Zeit hätte allein das Urteil des zuständigen Bischofs genügt – das war Rimbert, der Ansgars Ämter geerbt hatte. Das streng geregelte Verfahren einer Kanonisation durch den Papst, der eine Seligsprechung vorausgehen musste und die ein Martyrium oder den Nachweis von Wundern erforderte, wurde erst Jahrhunderte später eingeführt.
Ludwig argumentiert zu viel
Für die Verhältnisse mittelalterlicher Intrigen war Ansgars Weg zur Bischofswürde recht geradlinig verlaufen. Nach Leuderichs Tod brauchte Bremen einen neuen Bischof, und Ansgar war dazu qualifiziert und verfügbar. Der Erzbischofssitz des für die Neubesetzung zuständigen Erzbistums Köln war gerade ebenfalls vakant, so lange König Ludwig und Kaiser Lothar jeweils einen ihnen genehmen Kandidaten durchzusetzen versuchten und weder Liutbert noch Hilduin allgemeine Anerkennung fanden. Da Köln also keine Entscheidung herbeiführen konnte, nutzte Ludwig die von ihm selbst mit verursachte Situation aus, um Ansgar als Bischof von Bremen zu installieren.

Trotzdem ließ sich Rimbert ungewöhnlich weitschweifig darüber aus, wie König Ludwig auf der Synode von 847 diesen Schritt begründete – der Bericht über den Überfall der Wikinger beispielsweise nahm nicht so viel Raum ein. Nach Rimberts Darstellung ging es Ludwig nicht nur darum, dass Ansgar der richtige Mann für dieses Amt wäre, sondern dass er als Entschädigung für erlittene Verluste geradezu einen Anspruch darauf gehabt hätte. Adam von Bremen führte das in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte noch weiter aus und verwies auf „die kanonischen Verordnungen, nach denen Vorsorge getroffen ist, dass ein Bischof, der durch Verfolgungen aus seinem Sprengel vertrieben wird, in einen andern offen stehenden wieder aufgenommen werden kann“. Warum so umständlich? Das Muster ist uns aus Kriminalromanen vertraut: Wenn ein Verdächtiger allzu bereitwillig ein absolut schlüssiges und gut belegtes Alibi vorweist, weckt das erst recht den Argwohn, hier könnte etwas nicht stimmen. Und so war es auch in diesem Fall.
Ludwigs wortreiche Argumentation erscheint in diesem Zusammenhang überflüssig. Vordergründig ging es ja nicht darum, eine Anschlussverwendung für Ansgar zu finden, sondern den vakanten Bischofssitz in Bremen zu besetzen, und Ansgar war einfach der naheliegendste Kandidat. War damit nicht schon alles gesagt? Vor allem hatte Ludwigs Argumentation wenig Substanz, denn Ansgar hatte nichts verloren, für dessen Verlust man ihn unbedingt mit einem Bistum entschädigen musste. Hamburg war kein Bistum und Ansgar nicht sein Bischof; genau genommen war es nicht einmal verloren, denn die Wikinger waren ja nach nur zwei Tagen des Plünderns und Brandschatzens wieder nach Dänemark zurückgekehrt. Verloren hatte Ansgar nur seine Kirche und das Kloster, und die hätte er mit Ludwigs Hilfe wieder aufbauen können. In einem Punkt hatte Ludwig zwar recht: Ansgar hatte seine Pfründe, das Kloster Torhout eingebüßt, weil Karl der Kahle, der König des Westfrankenreiches, dessen Wirtschaftskraft für das eigene Land nutzen wollte. Aber Torhout sollte Ansgars Missionsbemühungen in Skandinavien finanzieren, wofür das Bremer Bischofsamt kein Ersatz sein konnte – ein Etat für kostspielige Auslandsreisen, mit denen keine bremischen Interessen verfolgt wurden, war dort nicht vorgesehen.
Wie alt ist Verden wirklich?
Ludwig ließ sich überdies ausführlich auf mögliche Ansprüche des Bistums Verden auf Nordalbingien ein, also die rechtselbischen Gebiete bis zur Eider, zu denen auch Hamburg gehörte. Verden war ein Suffraganbistum des Erzbistums Mainz, während Bremen zu diesem Zeitpunkt noch Suffragan von Köln war. Ludwig schlug vor, dass Verden gegebenenfalls durch einen Gebietstausch mit Teilen des Bistums Bremen abgefunden werden könnte. Offenbar sollte von vornherein jeder Verdacht ausgeräumt werden, dass Verden Unrecht geschähe, wenn Ansgar die Zuständigkeit auch für Nordalbingien zugesprochen würde. Auf den ersten Blick klingen solche Bedenken plausibel, denn schließlich war das umstrittene Gebiet etwa gleich weit von Bremen wie von Verden entfernt. Doch 845 hätte sich die Situation ganz anders dargestellt.

Nach der traditionellen Geschichtsschreibung war das Bistum Verden eine Gründung Karls des Großen; als sein erster Bischof wäre Suitbert 775 oder 786 eingesetzt worden. Eine entsprechende Urkunde ist jedoch eine Fälschung aus dem 12. Jahrhundert. Glaubwürdig belegt ist ein Bistum Verden erst seit 849 in einer Urkunde König Ludwigs des Deutschen. Ein früheres Gründungsdatum wäre in die Zeit der Sachsenkriege (772–804) gefallen, und noch 782 hatte Karl im Blutgericht von Verden 4500 (die Zahl ist unter Historikern umstritten) sächsische Kriegsgefangene enthaupten lassen. Die Einrichtung eines Bistums gerade in diesem noch nicht vollständigen unterworfenen Gebiet erscheint wenig plausibel. 787 wurde das Bistum Bremen gegründet, nur 35 Kilometer von Verden entfernt, und der Angelsachse Willehad als erster Bischof eingesetzt. Die Bremer Bischöfe bemühten sich um die Christianisierung der Sachsen im weiteren Umkreis, und von der Existenz eines kurz zuvor gegründeten Bistums in Verden war keine Rede.

Wenn das Bistum Verden aber erst um 849 gegründet worden war, konnte es 847, als es um Ansgars Einsetzung als Bischof von Bremen und um die Ausdehnung seines neuen Bistums ging, noch gar keine Rolle gespielt haben. Und selbst wenn es bereits existiert hatte: Verden war bis zu diesem Zeitpunkt nie in Nordalbingien aktiv gewesen, denn die dort schon vor Ansgars Ankunft existierenden Kirche in Heiligenstedten geht auf den Priester Heridag und einen Missionsauftrag Karls des Großen zurück und die Cella Welanao auf Ebo von Reims. Um Nordalbingien als Grenzland zu den Dänen und Abodriten sowie als Ausgangspunkt für Missionsreisen hatten sich die Kaiser selbst gekümmert, nicht das Bistum Verden. König Ludwigs Skrupel, möglicherweise dessen Rechte zu verletzen, entbehrten eigentlich jeder Grundlage.

Dieser Widerspruch erklärt sich aus den realen Konflikten, die erst später, im 11. und 12. und wohl auch schon im 10. Jahrhundert, zwischen Bremen und Verden ausgetragen wurden. Die Auseinandersetzung um Ramelsloh, das dem Bistum Bremen unterstand, obwohl es geografisch auf dem Gebiet des Bistums Verden lag, hatte ich bereits erwähnt, aber auch um das viel größere Nordalbingien wurde gestritten. Bremen und Verden wetteiferten beide mit gefälschten, in das 8. oder 9. Jahrhundert zurückdatierten Urkunden, um jeweils ältere Rechte zu belegen; so wurde die Fiktion einer Schenkung Ramelslohs schon 845 und die einer Gründung des Bistums Verden 786 zu belegen versucht. Vor dem Hintergrund dieser späteren Auseinandersetzungen sind die Darstellungen in der Vita Anskarii (geschrieben zwischen 869 und 876 und später wohl noch erweitert) und der Hamburgischen Kirchengeschichte (1075) zu verstehen, die Ansprüche Bremens nachträglich absichern sollten, die 847 noch gar kein Thema waren.
Exkurs: Verden und Verdun
Die Stadt Verden heißt mit vollständigem Namen Verden (Aller). Namenszusätze wie den Namen des Flusses, an dem der Ort liegt, verwendet man sonst nur, um Verwechslungen zu vermeiden, etwa zwischen Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder oder zwischen Rotenburg (Wümme) und Rotenburg an der Fulda. Aber gibt es ein zweites Verden?
Der Ort wurde ursprünglich Ferden geschrieben, was auf eine Fuhrt durch die Aller hinweist, aber nachdem sich später die Schreibweise Verden etabliert hatte, hätte man ihn mit dem französischen Verdun (in gallo-römischer Zeit Virodunum) verwechseln können, das im Deutschen zeitweise ebenfalls Verden geschrieben wurde. Daher spricht man seitdem zur Vereindeutigung von Verden (Aller), was heutzutage eigentlich überflüssig ist. (Ludwig der Deutsche verwendete allerdings schon in seiner auf 849 datierten Urkunde zu Verden die Formulierung „Ferdi super fluvium Halera“, wohl weil der Ort nicht allgemein bekannt war.)
Apropos Verdun: Diese Stadt spielte in dieser Geschichte ja bereits eine Rolle, weil 843 dort die Reichsteilung zwischen Lothar I., Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen beschlossen worden war, die auch Konsequenzen für Hamburg hatte. Aber es gab noch einen anderen Zusammenhang: Wie bereits erwähnt kehrte Ansgar nach 845 noch einmal nach Hamburg zurück, um dessen Einwohner zu ermahnen, keine Christen in die Sklaverei zu verkaufen. Im Umkehrschluss bedeutete es wohl, dass der Handel mit heidnischen Sklaven akzeptabel war, aber immerhin: Ansgar setzte mehrmals seine finanziellen Mittel ein, um Menschen aus der Sklaverei freizukaufen, wenn er von ihrem Schicksal erfuhr.
Zwischen Nordalbingien und dem Kalifat von Córdoba florierte im Mittelalter ein Handel mit slawischen und germanischen Sklaven, der über den Sklavenmarkt von Prag, Magdeburg und als weitere wichtige Zwischenstation Verdun führte. Im Kalifat waren insbesondere Eunuchen gefragt, und in Verdun wurden deshalb viele der männlichen Sklaven kastriert, bevor man sie weiter in das muslimische Spanien transportierte. Manche der Sklaven und Sklavinnen, egal welcher Religionszugehörigkeit, werden von Hamburgern diesem Schicksal ausgeliefert worden sein.
Hamburg – ein Erzbistum?
Rimbert ließ Ludwig den Deutschen nicht nur die anachronistischen Ansprüche Verdens abwehren. Folgt man seiner Darstellung, hätte die Einführung Ansgars als Bischof von Bremen gleichzeitig eine Vereinigung der Kirche Bremens mit der von Hamburg bewirkt, und Papst Nikolaus I. hätte das 864 bestätigt: „Mit diesem Dekret und diesen Bestimmungen des gesegneten Papstes Nikolaus wurde Bremens Kirche mit Hammaburg, das zuvor zum erzbischöflichen Sitz erklärt worden war, zusammengefügt und vereint, und erhielt erzbischöflichen Status.“
Moment einmal: Hamburg sollte ein Erzbistum sein? Angeblich schon seit 834, als Ansgar nicht nur als Missionsbischof für Skandinavien, sondern gleichzeitig als Erzbischof nach Hamburg entsandt worden wäre, doch das erscheint absurd. Der Sitz eines Erzbischofs hätte eine richtige Stadt sein müssen, was die Hammaburg sicherlich nicht war. Im Gegensatz etwa zu Köln oder Mainz, beides einst Hauptstädte germanischer Provinzen im Römischen Reich. Ansgar wurde auch nie als Erzbischof oder auch nur als besonders wichtiger Bischof genannt, wenn er an Synoden teilnahm. Die bereits erwähnten Annales Fuldenses sprachen noch 845, im Zusammenhang mit dem Überfall der Wikinger, bloß von „eine(r) Burg in Sachsen namens Hammaburg“; vom Sitz eines Erzbischofs, den die marodierenden Dänen vertrieben hätten, war keine Rede.
Was sollte dann aber unter einer Vereinigung der Kirchen Bremens und Hamburgs zu verstehen sein? Hamburg war keine ecclesia, also ein Bistum oder gar Erzbistum, und wenn wir Rimbert und Adam von Bremen vertrauen, besaß die Hammaburg nicht einmal mehr im wörtlichen Sinne eine Kirche, nachdem Ansgars Bau niedergebrannt worden war. Mit was sollte die Bremer Kirche, das dortige Bistum, da vereinigt werden? Aber wie schon in der Debatte um Verden versuchte Rimbert erst später erhobene Ansprüche zu rechtfertigen, indem er die Vergangenheit zurecht bog. Diesmal war das Manöver gegen Köln gerichtet.
Wie wird man Köln los?

Ansgar wird heilfroh gewesen sein, als Bremer Bischof eine neue Heimstatt gefunden zu haben, zumal ihm dieses Amt weiterhin Gelegenheiten bot, die Missionierung Skandinaviens voranzutreiben. Aber wenn ihm das auch gereicht haben mochte – seinem Nachfolger Rimbert reichte es nicht. Das Bistum Bremen hatte einen Makel: Es war ein Suffraganbistum des Erzbistums Köln, also diesem unterstellt und von ihm abhängig. Köln war nicht nur weit, sondern lag nach der Reichsteilung 843 auch noch im Ausland, nämlich dem Reich Kaiser Lothars. Ludwig, der König des Ostfrankenreichs und damit auch Bremens, versuchte zwar, in die Kölner Kirchenpolitik hineinzuregieren und dort seinen Kandidaten Liutbert als Erzbischof zu platzieren, konnte sich aber nicht gegen Lothar durchsetzen. Damit teilten Rimbert und Ludwig ein Interesse: Sie wollten Bremen aus der Umklammerung Kölns lösen und zu einem eigenständigen Erzbistum machen.
Es war nicht damit zu rechnen, dass der Kölner Erzbischof einen Suffragan freiwillig in die Unabhängigkeit entlassen würde, machte die Zahl der Suffraganbistümer doch die Bedeutung eines Erzbistums aus. Der Papst wiederum hätte keine Veranlassung gesehen, über den Kopf eines seiner Erzbischöfe hinweg einzugreifen. Hier konnte nur ein raffinierter Trick helfen, und damit kam Hamburg, das Ansgar schnöde sich selbst überlassen hatte, erneut ins Spiel.
Hamburg wird wieder gebraucht
An Bremens Status war nicht zu rütteln, jedenfalls nicht direkt, aber daneben gab es ja noch Hamburg als Chip, der sich in diesem Spiel einsetzen ließ. Gerade die geringe Bedeutung der Hammaburg und dass kaum etwas über sie bekannt war, ließ sich hierfür ausnutzen: Gegenüber dem Papst konnte man viel über Hamburg behaupten, denn im fernen Rom wusste man nicht so genau, wie es an der Nordgrenze des christlichen Abendlands wirklich aussah.
Die Grundidee des Betrugsmanövers, mit dem Bremen Köln ausbooten wollte, bestand darin, Ansgar nachträglich zum Hamburger Erzbischof zu machen. 834 wäre er demnach von Kaiser Ludwig dem Frommen und mit dem Segen von Papst Gregor IV. nicht nur mit einem Missionsauftrag nach Hamburg geschickt worden, sondern als Erzbischof eines neu geschaffenen Erzbistums. Hamburg zum Erzbistum zu erheben sei bereits ein Plan Karls des Großen gewesen, dessen Umsetzung nur dessen Tod verhindert hätte. In populären Darstellungen der Hamburger Geschichte ist bis heute oft zu lesen, zur Zeit Karls des Großen hätte ein Priester namens Heridag eine Kirche bei der Hammaburg gebaut. Doch das stimmt nicht. Heridag gab es wirklich und seine Kirche auch, nur stand sie in Heiligenstedten bei Esesfelth. Heridags Geschichte wurde später von Esesfelth auf die Hammaburg übertragen, um diese in einen Zusammenhang mit Karl dem Großen zu bringen.
Nach Ansgars Wahl zum Bischof von Bremen wäre er in Personalunion immer noch Erzbischof von Hamburg gewesen, Wikinger hin oder her, und natürlich weiterhin Missionsbischof für Skandinavien. Wenn aber nun schon alle drei Ämter in einer Person vereinigt wären, erschiene es nur folgerichtig, gleich die beiden Kirchen zu vereinigen, womit auch alle Nachfolger Ansgars nicht nur Bischöfe (von Bremen), sondern auch Erzbischöfe (von Hamburg) sowie Missionsbischöfe (für Skandinavien) wären. Die unmögliche Situation aber, dass ein Bischof von Bremen einerseits seinem eigenen Erzbistum Hamburg vorstünde, aber gleichzeitig vom weit entfernten Erzbistum Köln abhängig wäre, sollte beendet werden. Ein Bischof von Bremen müsste zwar weiterhin in allen Zweifelsfällen seinen Erzbischof konsultieren, aber praktischerweise wäre er das dann selbst.
Fake it till you make it

Genau das ist die Geschichte, die Rimbert und, zwei Jahrhunderte später, Adam von Bremen erzählt haben. Die Mehrzahl der Historiker ist sich darüber einig, dass es sich um eine Fiktion handelt, nur ist noch immer unklar, wie aus einer frei erfundenen Legende eine allgemein akzeptierte Realität werden konnte. Köln – genauer gesagt Gunthar, nachdem er 850 Erzbischof geworden war – widersprach den Behauptungen der Bremer vehement, und die Kölner Erzbischöfe beharrten noch Jahrhunderte später völlig zu Recht darauf, dass Bremen ihr Suffraganbistum sei. Dennoch setzten sich die Bremer bei den Päpsten Nikolaus I. (864), Formosus (893), Sergius III. (905) und Hadrian IV. (1159) mit ihrer Darstellung durch, und nachdem 1223 auch Papst Honorius III. zugunsten Bremens entschieden hatte, gab Köln seinen Anspruch endgültig auf.
Exkurs: Papst Formosus – Daumen ’rauf oder ’runter?
Wie oben erwähnt hatte auch Papst Formosus 893 zugunsten des Erzbistums Hamburg-Bremen entschieden. Adam von Bremen behauptete dagegen, der Kölner Erzbischof Hermann I. hätte auf der Synode von Trebur im Jahre 895 die Stellung des Bistums Bremen erneut zum Thema gemacht, und Bremen sei dort mit Zustimmung des – gar nicht anwesenden – Papst Formosus wieder für einige Jahre zum Suffragan Kölns erklärt worden. Für seine Version der Geschichte gibt es allerdings keinen Beleg. In der Liste der auf der Synode gefassten Beschlüsse, die sich hauptsächlich um juristische Fragen zu Straftaten von Klerikern, Eheschließung und Ehebruch drehen, wird der Konflikt zwischen Köln und Bremen überhaupt nicht erwähnt. Adam erzählte dann noch eine Räuberpistole: Im Rahmen der Verhandlung der Streitfrage wäre es zu einem Zweikampf gekommen, in dem ein gewisser Adelin für Köln und Widger für Hamburg-Bremen angetreten sei; über beide Kämpfer ist nichts weiter bekannt. Widger wäre besiegt worden und am Tag darauf gestorben, und dieses Gottesurteil hätte wohl den Ausschlag für die Entscheidung Formosus’ gegen Hamburg-Bremen gegeben. Das erschien dann aber selbst Adam so wenig glaubwürdig, dass er sich nicht dafür verbürgen mochte: „Weil ich dies auf diesem Concil geschrieben gefunden habe, so habe ich es wiedererzählt, ohne zu entscheiden, ob es wahr oder falsch ist.“ Dabei gibt es gerade über Formosus Geschichten, die man kaum glauben mag, die aber dennoch wahr sind – Freunde des Absonderlichen mögen sie selbst nachlesen.
Wer schreibt, der bleibt
Nun war das Papsttum Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts zwar nicht in seiner besten Verfassung, aber auch damals müssten die Bremer hinreichend überzeugende Belege für ihre Geschichte beigebracht haben, um gegen die guten Argumente Kölns vor dem Papst zu bestehen. Was für Belege mögen das gewesen sein?
Dokumente lassen sich fabrizieren. Wer über ein Skriptorium mit schreibkundigen Mönchen verfügte, ließ dort nicht immer nur Evangeliare und andere fromme Werke kopieren, denn er besaß damit ja auch eine gut ausgestattete Fälscherwerkstatt. Und davon wurde regelmäßig Gebrauch gemacht, mit dem Ergebnis, dass möglicherweise mehr gefälschte Urkunden als Originale aus dem frühen Mittelalter existieren. Echte Dokumente gingen oft durch Brandkatastrophen, Überschwemmungen oder Kriege verloren, und mit der Vorlage eines glaubwürdig erscheinenden Dokuments konnte man auch ungerechtfertigte Ansprüche durchsetzen. Durch die Kirchengeschichte Hamburgs und Bremens ziehen sich solche gefälschten Urkunden als running gag, und allein die Kölner Erzbischöfe arbeiteten ohne Fälschungen, weil ihre Ansprüche zu Recht bestanden. Genutzt hat es ihnen nichts.
Exkurs: Was Nikolaus I. sonst noch entschieden hat
866 klärte Papst Nikolaus I. einige Zweifelsfragen der bulgarischen Kirche, die Fürst Boris I. an ihn gerichtet hatte. Unter anderem verurteilte Nikolaus die in Bulgarien übliche Praxis der Folter: Diese lasse „weder das göttliche noch das menschliche Gesetz zu, da ein Geständnis nicht gegen den Willen, sondern freiwillig sein soll und es soll nicht gewaltsam erpresst, sondern aus freien Stücken erfolgen (…) (W)enn ein Angeklagter, der solche Folter über sich ergehen lassen musste, sie nicht mehr ertragen kann und bekräftigt, er habe begangen, was er gar nicht begangen hat: Auf wen bitte fällt dann diese so große Ruchlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der solch lügnerische Bekenntnisse erzwingt? Daran kann man doch erkennen, dass der Geständige gar kein Geständnis ablegt, sondern einfach etwas sagt, wovon er innerlich gar nicht überzeugt ist.“ Ebensowenig sei es erlaubt, Heiden mit Gewalt zu bekehren, „denn Gott gebietet freiwillige Gefolgschaft, die nur von Freiwilligen geleistet werden kann; denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte keiner seiner Allmacht widerstehen können.“
Eine weitere Frage zielte darauf, ob das Tragen von Hosen eine Sünde sei. Nikolaus urteilte, für Männer wie für Frauen seien Hosen ihrem Seelenheil weder abträglich, noch würden sie sich umgekehrt damit besondere Verdienste erwerben. Hosen zu tragen war für Nikolaus schlicht Geschmackssache.
Dem Täter auf der Spur
Was nun die Fiktion eines Erzbistums Hamburg betrifft, so bleibt die Frage, welche Urkunden wann von wem gefälscht worden waren, um die Fiktion plausibel erscheinen zu lassen, und hierüber herrscht unter den Historikern keine Einigkeit. So hat Eric C. Knibbs, Professor für mittelalterliche Geschichte am Williams College (Williamstown, USA), Ansgar in Komplizenschaft mit Rimbert als Fälscher identifiziert (Ansgar, Rimbert and the Forged Foundations of Hamburg-Bremen. Church, Faith and Culture in the Medieval West (2011)). Dagegen sieht der Diplomatiker – also Urkundenexperte – Theo Kölzer sowohl Ansgar als auch Rimbert entlastet und nimmt eine spätere Fälschung durch Adalgar an, der Rimbert nach dessen Tod 888 im Bischofsamt nachfolgte (Die gefälschte »Gründungsurkunde« Kaiser Ludwigs des Frommen für Hamburg In: Mythos Hammaburg (2014), S. 257–261). Der Historiker Richard Drögereit hatte das schon früher vermutet (War Ansgar Erzbischof von Hamburg oder Bremen? In: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte, Bd. 70 (1972), S. 107–132). Der schwedische Historiker Henrik Janson hingegen sieht die Urkunden Ludwigs des Frommen und Papst Gregor IV. weiterhin als allenfalls geringfügig verfälscht an (Ansgar und die frühe Geschichte des Erzbistums Hammaburg In: Mythos Hammaburg (2014), S. 262–279).
Lassen wir also die Verdächtigen Ansgar, Rimbert und Adalgar antreten und rekapitulieren wir noch einmal die Abfolge der uns bekannten Ereignisse, so wie es ein Hercule Poirot getan hätte …
Zur Zeit Karls des Großen wurde in Heiligenstedten eine erste Kirche in Transalbingien gebaut (810/12). Irgendwelche Pläne Karls bezüglich der Hammaburg sind dagegen durch nichts belegt. Ebo von Reims’ Gründung der Cella Welanao folgte 822/23, während der Regierungszeit Ludwigs des Frommen, Karls Sohn und Nachfolger.
834 traf Ansgar im Auftrag Kaiser Ludwig des Frommen in Hamburg ein, baute neben der schon existierenden Burg eine Kirche und ein Kloster, und unternahm von dort aus Missionsreisen zu den Dänen und Schweden, befugt durch ein Legationsprivileg von Papst Gregor IV. (831). 845 wurde die Hammaburg von dänischen Wikingern überfallen und Kirche sowie Kloster niedergebrannt; Ansgar konnte sich retten und gelangte auf seiner Flucht nach Bremen. Im selben Jahr starb der dortige Bischof Leuderich, und König Ludwig der Deutsche, der inzwischen im östlichen Teil des Frankenreichs herrschte, betrieb die Wahl Ansgars zu Leuderichs Nachfolger. Das hierfür zuständige Kölner Erzbistum, dem das Bistum Bremen unterstand, war zu dieser Zeit handlungsunfähig, da sich Ludwig der Deutsche und Kaiser Lothar I. nicht über die Nachfolge des Erzbischofs Hadebald einigen konnten, der 841 gestorben war; erst 850 bekam Köln mit Gunthar wieder einen allgemein anerkannten Erzbischof. 847 wurde Ansgar auf einer Synode in Mainz zum Bischof von Bremen bestellt.
Und damit begannen die Probleme. Schon Hilduin, Kaiser Lothars ursprünglicher Kandidat für das vakante Kölner Erzbischofsamt, hatte gegen diese Entscheidung protestiert, und auch Gunthar wollte sich nicht damit abfinden. Das dürfte kaum mit der Person Ansgars zusammenhängen – nach allem, was man weiß, war sein Ruf untadelig. Der Konflikt zwischen Köln und Bremen wurde vielmehr dadurch ausgelöst, dass Bremen nach Unabhängigkeit strebte und sich von Köln lossagte. Darüber wollte Erzbischof Gunthar nicht mit sich reden lassen, aber er erklärte sich schließlich damit einverstanden, die Angelegenheit von Papst Nikolaus I. entscheiden zu lassen.
König Ludwig der Deutsche schickte dazu seinen Vertrauten Bischof Salomo I. von Konstanz nach Rom; als Vertreter Ansgars schloss sich der Priester Nordfrid der Delegation an. Nikolaus I. wurden die Urkunden von Ludwig dem Frommen aus dem Jahre 834 und Papst Gregor IV. von 831 vorgelegt, und offenbar wirkten sie überzeugend, denn 864 entschied sich Nikolaus I., ein Erzbistum Hamburg anzuerkennen und dessen Vereinigung mit dem Bistum Bremen zu bestätigen. Damit war Köln aus dem Rennen – und übrigens auch Gunthar, der, aus Gründen, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben, ein Jahr zuvor abgesetzt worden war.
Die Verdächtigen
Bei dieser Chronologie der Ereignisse müssten Ansgar und Rimbert die Fälscher gewesen sein, denn die gefälschten Urkunden Ludwigs des Frommen und Gregor IV. lagen dem Papst ja spätestens 864 vor, also noch zu Lebzeiten Ansgars.
Ansgar war zu dieser Zeit schon ernsthaft krank und bettlägerig, was für Rimbert als treibende Kraft spricht. Welche Aufgaben Rimbert in Bremen hatte, bevor er 865 Ansgars Nachfolge antrat, ist nicht klar; seine Lebensbeschreibung, die Vita Rimberti, entstanden zwischen 888 und 909, gibt zu solchen Fragen nichts her. Ansgar, dem Rimbert schon früh aufgefallen war, hatte ihn zu seinem Schüler gemacht. 847, als sein Lehrer Bischof von Bremen wurde, war Rimbert 17; Ansgar hatte in diesem Alter längst selbst Schüler an der Klosterschule unterrichtet. Dennoch scheint Rimbert kein eigenes Amt bekleidet zu haben, bis er 35 war. Wenn wir eine graue Eminenz suchen, jemanden, der im Hintergrund Intrigen spann, wäre Rimbert die ideale Besetzung. Für Ansgar scheint sein Missionsauftrag der stärkste Antrieb gewesen zu sein; er wollte möglichst ganz Skandinavien bekehren oder wenigstens beim Versuch als Märtyrer sterben. Eine Karriere innerhalb der Kirchenhierarchie scheint er nicht angestrebt zu haben. Rimbert dagegen bezeichnete sich später gerne als Erzbischof von Bremen, was nicht einmal nach dem Urteil von Papst Nikolaus I. stimmte. Der hatte ihn vielmehr zum Erzbischof von Hamburg (mit Sitz in Bremen) gemacht – ein feiner Unterschied, der dem Papst aber wichtig erschien. Überhaupt war die Motivation Rimberts stärker: Das Ende von Ansgars Lebenszeit zeichnete sich ab und er war dessen designierter Nachfolger; alles, was er für Ansgar erreichte, würde daher auch und vor allem ihm selbst zugute kommen.
Rimbert war’s … oder doch nicht?
Theo Kölzer sieht es anders, und er lenkt den Verdacht auf Adalgar, Rimberts Nachfolger von 888 bis 909. Dazu stützt er sich auf die Urkunde (angeblich) Ludwigs des Frommen von 834, in der zunächst die Kirchengeschichte Hamburgs rekapituliert wurde, so wie sie Rimbert später in der Vita Anskarii dargestellt hatte. Die offensichtliche Abhängigkeit dieser Texte interpretiert Kölzer so, dass der Fälscher die Vita Anskarii gekannt haben müsse, die Rimbert erst nach Ansgars Tod begonnen und erst 876 abgeschlossen hatte, was Ansgar als Fälscher ausschließt. Aus nicht völlig klaren Gründen dehnt er dieses Alibi auch auf Rimbert selbst aus, womit nur noch Adalgar als möglicher Täter bleibt.
Logisch zwingend ist diese Argumentation nicht. Dass der verfälschte Text in Ludwigs Urkunde den entsprechenden Abschnitten in der Vita Anskarii ähnelt, legt zwar einen gemeinsamen Ursprung nahe, sagt uns aber noch nicht, welcher der beiden Text zuerst verfasst worden war. Rimbert könnte für die gefälschte Urkunde Ludwigs eine erste Fassung seiner Kirchengeschichte geschrieben haben, und 869, als mit seiner Biografie Ansgars begann, noch einmal auf denselben Text zurückgegriffen haben.
Ohne Fälschungen durch Rimbert und vielleicht Ansgar hätte Papst Nikolaus I. zudem jegliche Basis für seine Entscheidung gefehlt, die Kirchen von Hamburg und Bremen zu vereinigen, was bedeutet, dass diese Entscheidung niemals getroffen worden sein könnte und auch seine Urkunde eine Fälschung wäre. Adalgar hätte Köln dann aber mehr als 40 Jahre hinhalten müssen, ohne irgendeinen handfesten Beleg für Bremens Eigenständigkeit beizubringen, nur um urplötzlich eine Urkunde von Papst Nikolaus I. aus dem Hut zu zaubern, plus der Urkunden von Gregor IV. und Ludwig dem Frommen, auf die sich Nikolaus I. stützte. Diese Version ist offenkundig wenig plausibel.
Hinzu kommt ein Punkt, auf den bereits Henrik Janson im oben genannten Aufsatz hingewiesen hatte: Rimbert und sein Nachfolger Adalgar stellten Bremen gerne als Erzbistum dar, das es gar nicht war. Erzbischöfe nur mit dem Umweg über das ungeliebte Hamburg zu sein, erschien ihnen lästig. Wenn Adalgar die Urkunde von Nikolaus I. gefälscht hätte, warum hätte er dann einen Passus hinein schreiben sollen, der ein Erzbistum Bremen ausdrücklich verneint? Naheliegender wäre es doch gewesen, das Wünsch-dir-was-Spiel konsequent zu Ende zu spielen und bei dieser Gelegenheit ein originär bremisches Erzbistum zu etablieren.
Insgesamt spricht die geringe Plausibilität gegen eine Täterschaft Adalgars und für eine frühere Fälschung durch Rimbert, vermutlich mit Wissen Ansgars, auch wenn der nur wenig dazu beigetragen haben wird. Eine aktivere Rolle könnte König Ludwig der Deutsche gespielt haben, der ja ein eigenes Interesse daran hatte, den Einfluss Kölns und damit Kaiser Lothars zu beschränken.
Exkurs: Seit wann wurden in Hamburg Münzen geprägt?

Schauen Sie sich einmal die Euro- und Cent-Münzen in ihrem Portemonnaie genau an: Wenn auf ihrer Motivseite ein „J“ geprägt ist, stammen sie aus der Hamburgischen Münze. Ab 1875 stand sie im Münzviertel hinter den Gleisen des Hauptbahnhofs, bis sie 1982 nach Rahlstedt umzog. Das Recht, eigene Münzen zu prägen, hat Hamburg schon seit 1325; damals hatte man es dem Grafen von Holstein abgekauft. Hartnäckig hält sich allerdings die Legende, ein Hamburgisches Münzrecht hätte es schon seit 834 gegeben – also dem Jahr, in dem Ansgar in der Hammaburg eintraf. Die Hamburgische Münze beruft sich bis heute darauf. Wenig überraschend geht diese Legende auf die Bremer zurück, die angebliche Privilegien Hamburgs herbeifantasierten, nur um sie dann selbst in Anspruch zu nehmen.

Am 9. Juni 888 fertigte König Arnulf in Frankfurt eine Urkunde für Erzbischof Rimbert aus: „König Arnulf bestätigt der Kirche von Bremen im Gau Wihmodia auf Bitte des dortigen Erzbischofs Rimbert die vorgelegten besiegelten Schenkungs- und Immunitätsurkunden seines Ururgroßvaters, Kaiser Karls des Großen, seines Urgroßvaters, Kaiser Ludwigs des Frommen, seines Großvaters, König Ludwigs des Deutschen, und seines unmittelbaren Vorgängers im Königtum, seines Oheims Karls des Dicken …“ Schon an dieser Stelle müsste man stutzig werden: Karl der Große hatte überhaupt keine Entscheidungen bezüglich Hamburgs getroffen, und dass die Urkunde Ludwigs des Frommen von 834 gefälscht war, wissen wir ja bereits. Es ist also klar, dass Arnulf, damals erst seit wenigen Monaten König des Ostfrankenreichs, auch Fälschungen und Erfindungen nachträglich Geltung verliehen hatte. Und um was ging es in diesem Fall? Arnulf „verleiht dem Bischof Münzrecht, Markt und Zoll in Bremen in demselben Maße, wie es den Leitern dieser Kirche bisher in Hamburg zustand, wo wegen der Bedrängnis durch die Heiden diese Befugnisse nicht mehr ausgeübt werden können, und erteilt dem bremischen Klerus das Recht der freien Bischofswahl.“ Die Urkunde übertrug also angebliche Hamburgische Rechte und Privilegien auf Bremen. Rimbert wäre darüber hoch erfreut gewesen, doch starb er nur zwei Tage nach der Unterzeichnung – in Bremen, so dass ihn die Urkunde wohl nicht mehr rechtzeitig erreicht haben wird. Den Nutzen hatte sein Nachfolger Adalgar.

Bremen sollte also unter anderem das Münzrecht bekommen, weil Hamburg es schon seit 834 besessen hätte, aber keinen Gebrauch mehr davon machen konnte. Tatsächlich hatte Ludwig der Fromme wohl der Kirche an einigen Orten ein eingeschränktes Münzrecht gewährt, wobei die Gestaltung, das Material und das Gewicht der Münzen festgelegt war. Aber galt das auch für Hamburg? Als Missionsbischof hielt sich Ansgar nur selten dort auf, hätte eine Münzstätte also gar nicht wirksam kontrollieren können. Rimbert erwähnte nur, dass Ansgar eine Kirche, ein Kloster und eine Bibliothek errichtet hätte; von einer Münze und den nötigen spezialisierten Handwerkern war in der Vita Anskarii keine Rede, und auch wenn es um die Zerstörungen durch die Wikinger ging, waren sie kein Thema. Nachweislich in Hamburg geprägte Münzen aus dieser Zeit wurden nie gefunden.
Abgesehen von der Frage, ob die Hamburger Kirche wirklich seit 834 ein Münzrecht besaß und es auch ausgeübt hatte, ist es zweifelhaft, dass sich Bremen ein solches Recht aneignen durfte. König Arnulf verwies auf eine „Bedrängnis durch die Heiden“, wegen der es unmöglich geworden wäre, die Hamburgischen Privilegien dort weiter in Anspruch zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt lag der Überfall durch die Wikinger aber schon 43 Jahre zurück; danach hatte es keine weiteren Konflikte mehr gegeben. Jedenfalls nicht in Hamburg, während Bremen noch 858 von Wikingern heimgesucht worden war. Die Legende einer Schlacht bei Eppendorf, in der die Wikinger 880 ein sächsisches Heer vernichtend geschlagen hätten, geht auf eine Verwechslung zurück: Die Schlacht fand zwar statt und endete tatsächlich in einem Desaster, nur wurde sie nicht in Eppendorf und damit in der Nähe Hamburgs geschlagen, sondern südlich der Elbe bei Ebstorf. Auch die Abodriten, die zweiten üblichen Verdächtigen, wenn es um aggressive Heiden ging, waren im 9. Jahrhundert relativ friedlich. Da es also niemanden gab, der Hamburg bedrängte, hätten Rimbert und Adalgar ihre vermeintlichen Rechte als Hamburger Erzbischöfe problemlos in Hamburg selbst ausüben können. Aber sie wollten Bremen nicht verlassen, und schon gar nicht Richtung Hamburg.
Hier erwies es sich erneut als nützlich, dass Hamburg von den Zentren des Reichs aus gesehen so abgelegen war. König Arnulf hielt sich vor allem in Bayern auf, meist in Regensburg; viel weiter in den Norden als nach Frankfurt kam er nicht. Rimberts Gesandte konnten ihm daher Märchen über die vermeintliche Bedrohungslage Hamburgs erzählen, und so muss es ihm plausibel erschienen sein, dass Rimbert stattdessen im vermeintlich sicheren Bremen die Hamburger Privilegien genießen sollte. Für Rimberts Karriere innerhalb der Kirchenhierarchie spielte das keine Rolle, aber das Münzrecht, das Marktrecht und das Recht, Zölle zu erheben, waren wichtige Faktoren für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Bremens, die der Erzbischof offenbar ebenso im Blick hatte.
Zurück nach Hamburg
Damit kehren wir wieder nach Hamburg zurück, das wir zu Beginn dieser Geschichte verlassen hatten. In den Jahrzehnten seit der Flucht Ansgars hatte sich nicht viel verändert. Davon, dass Hamburg mittlerweile ein durch den Papst bestätigtes Erzbistum war, merkte man nichts, und wer weiß, ob die Hamburger überhaupt davon wussten. Rimbert ließ sich dort nicht blicken, denn er interessierte sich nicht wirklich für Hamburg. Oder vielmehr: Er interessierte sich nicht für das wirkliche Hamburg, sondern nur für das fingierte Erzbistum – das Hamburg, das er erfunden hatte. Wie es Henrik Janson formuliert, schreckte Rimbert davor zurück, „auf das verfallene Grundstück in den Sümpfen von Hammaburg zu ziehen. Dies empfand er weder als besonders attraktive noch dringliche Verpflichtung und blieb in Bremen. Hammaburg konnte allein weiterexistieren, als schlechtes Gewissen des Erzbischofs von Bremen.“
Das schlechte Gewissen wird Rimbert und seine Nachfolger manchmal bis in den Schlaf verfolgt haben. Hätte der Papst nur einmal Informationen darüber eingeholt, wie es um sein Erzbistum Hamburg stünde, wäre der Schwindel aufgeflogen. Der Fiktion Hamburgs als als angesehenste Stadt der Sachsen („nobilissima civitas Saxonum“, wie Adam von Bremen schrieb) und Sitz eines Erzbischofs musste über kurz oder lang ein Anschein von Realität gegeben werden, um diese Gefahr zu bannen. Um 900, also zur Zeit Erzbischof Adalgars, wurde die dritte und größte Hammaburg gebaut, wiederum mit einem von Palisaden gekrönten Erdwall und einem Durchmesser von nunmehr rund 90 Metern. Außerdem wurde der noch kleine Hafen an einem Elbarm ausgebaut. Wohlgemerkt: Der Bauherr von Burg und Hafen muss ein Graf gewesen sein – seinen Namen kennen wir nicht –, also die weltliche Macht, aber seine Baumaßnahmen standen im Einklang mit den Interessen des Erzbischofs, der im 10. Jahrhundert wohl auch Ansgars Kirche erneuert hatte. Hamburg war damit wieder leidlich präsentabel geworden.
1024 entsprach auch die vergrößerte Hammaburg nicht mehr den Anforderungen und der damalige Burgherr, Herzog Bernhard II. aus dem Geschlecht der Billunger, baute einen halben Kilometer weiter westlich eine neue Burg – dort, wo jetzt das Mahnmal St. Nikolai steht. Der Straßenname „Neue Burg“ erinnert bis heute daran. Die überflüssig gewordene Hammaburg überließ der Herzog Erzbischof Unwan, der das Gelände einebnete und an dieser Stelle den ersten, noch hölzernen Dom errichtete. Bezelin Alebrand ersetzte ihn wenige Jahrzehnte später durch einen steinernen Bau, neben einem ebenfalls aus Stein errichteten erzbischöflichen Palast, falls man Adam von Bremen Glauben schenken kann.

Im Erzbistum Hamburg-Bremen war das 11. Jahrhundert eine Zeit hochfliegender Pläne. Man verfolgte die Idee, ausgehend von Hamburg beziehungsweise Bremen das größte Erzbistum der Welt zu schaffen, das weit in den Norden bis an das Eismeer reichen sollte. Adam von Bremens vierbändige Hamburgische Kirchengeschichte von 1075 muss man als propagandistische Untermauerung dieser Pläne sehen, die aber letztlich scheiterten. Unter anderem darum wird es in einem weiteren Beitrag in dieser Reihe gehen.
