Grafen, Erzbischöfe, Bürger und ein Papst – Hamburg im 10. Jahrhundert
Das 10. Jahrhundert war für ein Hamburg ein weitgehend dunkles Zeitalter – „dunkel“ in dem Sinne, dass kaum jemand aufschreibenswert fand, was dort passierte, und die ohnehin spärlichen Berichte der Chronisten nicht sehr verlässlich sind. Immerhin konnten die Archäologen inzwischen manche Irrtümer richtigstellen.
Der Ursprung Hamburgs liegt am rechten, nördlichen Elbufer – dort, wo Alster und Bille in die Elbe münden. Seit 1937 gehören auch die lange unabhängige Stadt Harburg auf dem linken Ufer sowie die Flussinsel Wilhelmsburg dazu, aber bis heute denken viele, von Süden kommend sei man erst wirklich in Hamburg angekommen, wenn man die Elbbrücken überquert hat. Die Hamburger südlich der Norderelbe fühlen sich vernachlässigt, und sie haben ihre Gründe. Zum Beispiel die Schließung des vom Hamburger Erzbistum betriebenen Krankenhauses Groß-Sand im Sommer 2026 – Groß-Sand spielte unter anderem eine wichtige Rolle in der Notfallversorgung Wilhelmsburgs, galt der katholischen Kirche aber nicht mehr als rentabel, und auch der Hamburger Senat sah keinen Grund, hier einzugreifen und die Klinik zu retten. In Hamburgs Süden fühlt man sich nicht ernstgenommen, nicht von der Kirche und nicht von der Politik, die beide die Stadt vom nördlichen Elbufer aus betrachten.
Die Schieflage zwischen dem alten Hamburg nördlich der Elbe und den neuen Stadtteilen südlich davon entstand nicht erst 1937. Schon im 13. Jahrhundert hatte es einen Streit zwischen Hamburg und Stade gegeben, in dem es um das Stapelrecht ging, also den ersten Zugriff auf die von elbaufwärts fahrenden Schiffen transportierten Waren. Gegen Stades Ansprüche, die sich auf ein von den Erzbischöfen gewährtes Recht stützten, hatte Hamburg eigene, angeblich von Kaiser Barbarossa verliehene Privilegien angeführt. Darauf werde ich in einer späteren Folge dieser Reihe eingehen. Im 16. Jahrhundert versuchten Harburg, Stade, Buxtehude und Lüneburg noch einmal, Hamburgs Dominanz an der Elbe zu begrenzen, unterlagen aber endgültig vor Gericht.

Im Frühmittelalter war es dagegen noch umgekehrt gewesen. Die Hamburger Erzbischöfe nahmen eine strikt bremische Perspektive ein, und auch die Grafen und Herzöge als Vertreter der weltlichen Macht hatten ihr Zentrum auf der linken Seite der Elbe in Lüneburg. Hamburg lag in Transalbingien, also jenseits der Elbe im Norden, und der Begriff verrät bereits, wo diejenigen saßen, die Chroniken schrieben und Entscheidungen trafen: diesseits der Elbe, im Süden beziehungsweise Westen. Wie die Bürger lebten, also die Menschen, die in Hamburg zuhause waren, was sie dachten und was sie bewegte, darüber wissen wir fast nichts.
Wer baute die Burgen?
In Bertolt Brechts Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters (1935) heißt es:
Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? (…)
Wenn wir aber die Frage stellen, wer die Hammaburg ursprünglich gebaut und dann noch zweimal wiederaufgebaut hatte, dann können wir nicht nur keine Bauleute nennen; wir wissen nicht einmal genau, wer deren Auftraggeber waren. Bischöfe oder Erzbischöfe waren es nicht; schon Ansgar fand die Hammaburg (genauer gesagt die zweite, bereits erweiterte Burg) fertig vor. Aber auch der Kaiser, sei es Karl der Große oder sein Sohn Ludwig der Fromme, hatte ihren Bau nicht veranlasst.

Um 900, als die dritte und letzte Hammaburg erbaut wurde, war das zuvor für einige Jahre wiedervereinigte Frankenreich erneut zerfallen, und Ludwig das Kind, der erst siebenjährige König der Ostfranken, kümmerte sich nicht um den Burgenbau im hohen Norden.
Damit bliebe der sächsische Adel, aus dem sich die Burgherren rekrutiert haben könnten. Nur von einem dieser Burgherren wissen wir etwas, dank eines Nebensatzes in Rimberts Vita Anskarii. In Kapitel 16, das vom Überfall der Wikinger erzählt, schreibt Rimbert beiläufig: „… quippe cum et comes, qui eo tempore praefecturam loci illius tenebat, illustris vir Bernharius tunc deesset“ – „… denn der Graf, der damals Präfekt dieses Ortes war, der erlauchte Bernhard, war abwesend“. Alles, was wir über den Grafen erfahren, ist also sein Name und wo er an jenem verhängnisvollen Tag nicht war. Nicht einmal das Datum verrät Rimbert, aber ein Mainzer Chronist hat in den Annales Fuldenses festgehalten, dass dies im Jahre 845 geschehen ist.

Rimberts dürre Informationen erlauben immerhin einige plausible Spekulationen. Dass der Graf ohne besonderen Grund abwesend war, legt nahe, dass die Hammaburg nicht sein Hauptsitz war; der dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach auf der anderen Seite der Elbe gelegen haben. Ab 936 herrschte der sächsische Herzog Hermann aus dem Geschlecht der Billunger über Hamburg, und sein Machtzentrum lag in Lüneburg. Die Hammaburg blieb insgesamt 170 Jahre lang im Besitz der Billunger, aber sie war nicht deren Stammsitz. Dafür, dass schon der von Rimbert erwähnte Burgherr des Jahres 845 ein früher Billunger gewesen sein könnte, spricht sein Name, denn unter den bekannten Vertretern dieses Adelsgeschlechts kommt der Vorname Bernhard mehrfach vor.
In diesem Zusammenhang ist auch ein Eintrag in den Annales regni Francorum aus dem Jahre 811 aufschlussreich: Darin heißt es, zwölf Grafen hätten sich an der Eider mit Vertretern der Dänen zu Gesprächen getroffen, und unter den dort genannten Grafen taucht der Name Bernhard zweimal auf, dazu auch die Namen Egbert und Wigman. Egbert (oder Ekbert) und Wigmann (oder Wichmann) sind wie Bernhard typische Billunger-Namen. Man kann also spekulieren, dass es schon im 9. Jahrhundert Proto-Billunger gab, die rechts der Elbe eigene Interessen verfolgten – daher die Verhandlungen mit den Dänen, deren Gebiete an Transalbingien grenzten –, obwohl sie selbst links der Elbe wohnten. Als Stammland der Billunger gilt der Wetigau, der den heutigen Kreisen Lippe und Höxter entspricht.

Aus diesem fast nur durch die Vorliebe für bestimmte Vornamen fassbaren Familienverband könnten die Bauherren aller drei Hammaburgen stammen. Nach einem Grafen Billung (oder Billing), der um 875 geboren wurde und nach 912 gestorben ist, wurden die Mitglieder dieser Familie später Billunger genannt. Vielleicht war es dieser Graf Billung, der in Hamburg die dritte Burg gebaut hat – zu seinen Lebensdaten würde es passen. Leider ist jedoch nichts weiter über ihn bekannt, außer dass er eine besondere Beziehung zu Lüneburg hatte.
Die Identifizierung der Billunger als Herren der Hammaburg ist insofern wichtig, weil dieses Adelsgeschlecht eine herausgehobene Stellung am Hof der Ottonen einnahm. König Otto der Große machte Hermann Billung zu seinem Heerführer und Hermanns Sohn Bernhard I. galt nach den Quedlinburger Annalen als „Zweiter hinter dem König“. Die Hammaburg war nicht die wichtigste Liegenschaft der Billunger und lag eher am Rande ihres Herrschaftsbereich, aber dass sie diesem einflussreichen Adelsgeschlecht gehörte, vergrößerte ihre Bedeutung.

Die dritte Hammaburg
Es spricht also einiges dafür, dass die um 900 erbaute dritte Hammaburg auf einen Proto-Billunger zurückgeht, sei es Graf Billung selbst oder einer seiner Verwandten. Diese dritte war nicht nur die größte Hammaburg, sondern auch die langlebigste. Nach über einem Jahrhundert kam erst um 1024 ihr Ende, nachdem sich der damalige Burgherr Herzog Bernhard II. – wieder ein Billunger und erneut ein Bernhard – einen halben Kilometer weiter westlich eine neue Burg gebaut hatte. Die hieß dann aber nicht mehr „Hammaburg“, sondern wenig einfallsreich „Neue Burg“.

Die dritte Hammaburg maß rund 95 Meter in west-östlicher und 85 Meter in nord-südlicher Ausdehnung; ihre Innenfläche schätzt der Archäologe Karsten Kablitz, der die bislang letzte Grabungskampagne 2005 geleitet hatte, auf 0,65 Hektar. Hier lohnt ein Vergleich mit Köln, dem einstigen Rivalen Hamburgs, als es um die Zugehörigkeit des Bistums Bremen ging. Das frühmittelalterliche Köln hatte seine römischen Befestigungen bewahrt, die von den Franken weiter instand gehalten worden waren; Reste davon sind bis heute im Stadtbild sichtbar. Nachdem der ohnehin verlandete Hafen aus römischer Zeit zugeschüttet und die vorgelagerte Rheininsel in das Stadtgebiet mit einbezogen worden war, umschlossen die Mauern eine Fläche von 120 Hektar, das 185-fache der Hammaburg in ihrer maximalen Ausbauphase.
Slawen – die üblichen Verdächtigen
Die dritte Hammaburg bestand also über hundert Jahre, was nicht heißt, dass sie in dieser Zeit keinen Angriffen ausgesetzt gewesen wäre. Die dänischen Wikinger kehrten nach 845 nicht mehr zurück, aber bei slawischen Überfällen soll Hamburg mehrmals verheert worden sein. Populäre Darstellungen der Hamburger Frühgeschichte sind voller blutrünstiger Berichte über Slawen, die die Hammaburg überrannten und deren Bürger massakrierten, so dass die Slawen als eine Art Erbfeinde der Sachsen erscheinen. Mit der historischen Realität hat das wenig zu tun.
Im Zuge von Migrationen während der Völkerwanderungszeit wurden große Teile der rechtselbischen Gebiete von ihrer einstigen Bevölkerung verlassen, und ab dem 7. Jahrhundert wanderten slawische Stämme dort ein, um das Vakuum zu füllen. Ihre Heimat hatte in einem slawischen Kernland gelegen, das, um heutige Begriffe zu verwenden, wohl im Süden von Belarus und in der Ukraine zu lokalisieren war. Die Slawen waren in Familienverbänden als friedliche Siedler, nicht als Eroberer gekommen, und ihre Migration endete dort, wo sie rechts der Elbe auf Sachsen trafen. Sie sprachen andere Sprachen, verehrten andere Götter und ihre Keramik hatte andere Formen, aber ihre Lebensweise war der der Sachsen nicht unähnlich.

Von einer generellen Feindschaft zwischen Sachsen und Slawen ist nichts bekannt, allerdings scheint die Herrschaft über Transalbingien Anfang des 9. Jahrhunderts zwischen Sachsen und Slawen gewechselt zu haben, wofür Karl der Große verantwortlich war, der um 804 ein Bündnis mit den slawischen Abodriten einging. Die Hammaburg könnte damals für einige Jahre unter abodritischer Oberhoheit gestanden haben. Schon wenige Jahre später betraute Karls aber erneut Sachsen mit der Herrschaft über Transalbingien, von denen er sich eine effektivere Abwehr der von Norden vordringenden Dänen versprach.
Das Verhältnis zwischen Sachsen und Slawen bestimmte meist friedlicher Handel, und wenn man bei Ausgrabungen auf sächsischen Gebieten typisch slawische Keramik findet, deutet das eher auf erfolgreiche slawische Händler als auf eine gewaltsame Eroberung dieser Gebiete hin. Von Hamburg aus führten Fernhandelswege nach Norden, zu den slawischen Orten Plön (Plune), Lübeck (Liubice) und Oldenburg (Starigard), aber auch nach Osten über Ratzeburg (benannt wohl nach dem slawischen Fürsten Ratibor) zur Mecklenburg (Wiligrad) und weiter nach Rostock (Rastokŭ).
Die slawischen Siedlungsgebiete wurden später christianisiert und im Hochmittelalter durch deutsche Kolonisten germanisiert. Das bedeutete wohlgemerkt nicht, dass die slawische Bevölkerung verschwunden wäre, nur weil ihre Sprache, Kultur und Religion unterdrückt wurden und untergingen; vielmehr vermischte sie sich mit den neuen Migranten aus dem Westen. Die Menschen in den fünf ostdeutschen Bundesländern haben zu 40 Prozent oder mehr slawische Vorfahren, also zu einem viel größeren Anteil als in Westdeutschland. Bei den Sorben in der Lausitz, die ihre slawischen Traditionen länger bewahren konnten, sind es mehr als 80 Prozent.
Die bleibende Präsenz der Slawen in Ostdeutschland spiegelte sich später auch in der Bevölkerung Hamburgs wider: Das starke Wachstum Hamburgs im 19. und 20 Jahrhundert war nur durch eine Zuwanderung möglich gewesen, angetrieben durch die Industrialisierung, die Menschen vom Land in die Städte lockte. Die Neu-Hamburger kamen oft aus den einst slawischen Gebieten Mecklenburg und Pommern, und daher sind auch viele Hamburger Nachkommen von Slawen.
Ein feste Burg
Kommen wir zurück zu den Angriffen, derer sich die Hamburger im 10. Jahrhundert erwehren mussten, und halten wir uns – notgedrungen, in Ermangelung einer zuverlässigeren Quelle – an Adam von Bremens Hamburgische Kirchengeschichte:
In jenen Tagen bedrängte die entsetzlichste Verfolgung das Sachsenland, indem von der einen Seite Dänen und Slawen, von der anderen Böhmen und Ungarn die Kirchen plünderten. Damals wurde der Hammaburger Sprengel von den Slawen und der Bremer durch einen Angriff der Ungarn verheert. (Buch 1, Kapitel 53)
Was die zunächst ebenfalls erwähnten Dänen und Böhmen taten, verriet er nicht. Wie es charakteristisch für seinen Stil ist, datierte Adam diese Ereignisse nicht direkt, sondern setzte sie in Beziehung zu einem anderen Ereignis mit bekanntem Datum, in diesem Fall zum Tod des Bremer Erzbischofs Hoger, der 915 gestorben war. Von wem der Angriff auf die Hammaburg ausging, von welchem slawischen Stamm unter welchem Herrscher, und welcher Schaden tatsächlich angerichtet worden war, all das ließ er offen; Einzelheiten scheinen ihm nicht bekannt gewesen zu sein.
Ein weiterer Angriff von Slawen wird im zweiten Buch erwähnt:
Damals aber sahen sich auch die Slawen, welche von christlichen Richtern mehr als recht war bedrückt wurden, genötigt, endlich das Joch der Knechtschaft abzuschütteln und ihre Freiheit mit den Waffen zu schützen. Fürsten der Winuler waren Mystiwoi und Mizzidrog, unter deren Führung der Aufstand begann. Geleitet von diesen, empörten sich die Slawen und verheerten zuerst ganz Nordalbingien mit Feuer und Schwert, dann durchzogen sie das übrige Slawenland, zündeten alle Kirchen an und zerstörten sie bis auf den Grund. Die Priester aber und die übrigen Kirchendiener mordeten sie unter mannigfachen Todesqualen und hinterließen keine Spur vom Christentum jenseits der Elbe. (Buch 2, Kapitel 40)
Diese dramatische Schilderung geht auf einen historischen Kern zurück, den sogenannten Slawenaufstand. Die Probleme mit Adams Version der Ereignisse beginnen aber schon mit der Datierung: Er bringt sie mit dem Tod Kaiser Ottos III. im Jahre 1002 in Verbindung, während der Aufstand tatsächlich eine Kaisergeneration früher ausgebrochen war – im Todesjahr Ottos II., also 983. Auch sonst stimmt vieles nicht, selbst abgesehen vom ungebräuchlichen Namen Winuler, von dem nicht klar ist, auf was für eine Gruppe von Slawen er sich beziehen soll.
Der als Anführer genannte Mistiwoj aus dem Geschlecht der Nakoniden hatte ab 967 über alle Stämme der Abodriten geherrscht und war spätestens 995 gestorben – schon deshalb muss die Datierung auf 1002 falsch sein. Eine Person namens Mizzidrog wird in keiner weiteren Quelle erwähnt, und wer hier gemeint gewesen sein könnte, bleibt unklar. Dass Mistiwoj am Slawenaufstand beteiligt gewesen war, ist unwahrscheinlich, und ganz gewiss nicht als dessen Anführer – man muss ihn eher zu den Opfern der Rebellion rechnen. Mistiwoj war Christ, und dass er unter anderem auch unter dem Namen „Billug“ genannt wird, könnte darauf hindeuten, dass Hermann Billung, mutmaßlich der damalige Herr der Hammaburg, sein Taufpate gewesen war. Hermann Billung hatte ihm auch geholfen, 967 den Wagrier-Fürsten Selibur in der Burg Starigard (Oldenburg) zu belagern – der Teilstamm der Wagrier hatte sich damals aus dem Stammesverband der Abodriten zu lösen versucht, und Mistiwoj gelang es mit Hermanns Unterstützung, diese Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken. Zeit seines Lebens hielt er loyal zu den sächsischen Kaisern Otto II. und Otto III., und vermutlich kämpfte er 974 an der Seite Ottos II. gegen die Dänen unter deren König Harald Blauzahn. In Mistiwojs wahrscheinlichem Todesjahr 995, lange nach dem Slawenaufstand, besuchte ihn Otto III. auf der Mecklenburg; im Fall eines früheren Todes Mistiwojs – auch das Jahr 990 wird genannt – würde der Besuch seinem Sohn und Nachfolger Mistislaw gegolten haben. Adams Schilderung ist nicht zu trauen, und was beim Slawenaufstand tatsächlich geschehen war, darauf werde ich noch zurückkommen.
Folgt man Adam von Bremen, kam es später noch zu einem dritten Konflikt mit den Slawen:
Um diese Zeit bat ein Herzog von Slawien um die Hand einer Nichte des Herzogs Bernhard für seinen Sohn und der Herzog gewährte sie ihm. Darauf sandte der Fürst der Winuler seinen Sohn mit dem Herzog nach Italien, mit tausend Reitern, welche fast alle dort den Tod fanden. Als darauf der Sohn des Slawenherzogs die ihm zugesagte Braut verlangte, trat der Markgraf Tiaderich dazwischen und erklärte, man dürfe die Blutsverwandte des Herzogs nicht einem Hunde geben. Dieser Tiaderich war Markgraf der Slawen, und seine Untüchtigkeit trieb sie zum Abfall. Später verlor er sein Amt und sein ganzes Erbgut, und beschloss sein Leben, wie er es verdiente, elender Weise als Pfründner zu Magdeburg. (Buch 2, Kapitel 43)
Adam verschwieg hier, dass der namenlose „Herzog von Slawien“ niemand anderes als der bereits erwähnte Mistiwoj war, aber vermutlich war ihm diese Identität tatsächlich unbekannt. Wiederum hat die Geschichte einen wahren Kern, doch mehrere Details stimmen nicht. Adam stellt sie in einen zeitlichen Zusammenhang mit den letzten Jahren des Erzbischofs Libentius I., der 1013 gestorben war; das wäre noch einmal ein Jahrzehnt nach der fälschlichen Datierung des Slawenaufstands auf 1002 gewesen und mehr als 15 Jahre nach dem Tod Mistiwojs. Tatsächlich sind hier Geschehnisse aus dem Jahr vor dem Aufstand beschrieben.
Die Historiker haben die Abfolge der Ereignisse so rekonstruiert: 981 unternahm Kaiser Otto II. einen Kreuzzug nach Italien, nachdem Sarazenen unter der Führung von Abū l-Qāsim Alī ibn al-Hasan vom Emirat Sizilien aus Teile des süditalienischen Festlands erobert hatten. An diesem Kreuzzug nahm auch Herzog Bernhard I. teil, der Sohn von Hermann Billung, und der hatte Mistiwojs Sohn Mistislaw um Unterstützung gebeten, um das vom Kaiser geforderte Kontingent von über 2000 Panzerreitern stellen zu können (Panzerreiter waren die Vorläufer der Ritter, die es im Frühmittelalter noch nicht gab). Als Belohnung versprach er ihm die Hand seiner Nichte.
Der Zug nach Italien endete am 15. Juli 982 mit einer vernichtenden Niederlage: In der Schlacht am Kap Colonna fiel zwar der Anführer der Sarazenen, aber deren Reiterei konnte Ottos bereits siegesgewisses Heer überrumpeln. Der Kaiser entkam dem anschließenden Gemetzel, wenn auch nur knapp, und auch Mistislaw konnte sich mit einer kleinen Zahl von Überlebenden retten. Bernhard I. war zu diesem Zeitpunkt längst wieder zurück in Norddeutschland, weil er einen Angriff der Dänen abwehren musste. Als Mistislaw nach seiner Rückkehr die versprochene Belohnung einforderte, wies ihn Markgraf Dietrich von Haldensleben, wie von Adam geschildert, brüsk ab: Man dürfe die Nichte eines Herzogs keinem Hunde geben. Nun hatte Dietrich, der Mistislaw und Bernhard I. als Konkurrenten sah und daher eine dynastische Verbindung zwischen Billungern und Nakoniden fürchtete, das gar nicht zu entscheiden, und wie Helmold von Bosau in seiner Chronica Slavorum schrieb, hatte sich Bernhard zu versichern beeilt, dass er zu seinem Versprechen stehe. Der tief gekränkte Mistislaw verzichtete trotzdem. Ob er später für die Zurücksetzung Rache nahm, wie es Legenden berichten, ist unsicher; möglicherweise wurden hier auch Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Slawenaufstand fehlinterpretiert. Dass Dietrich von Haldensleben, dem Adam ersichtlich nicht wohlgesonnen war, in der Folge sein Amt verloren hätte, scheint Wunschdenken gewesen zu sein; Dietrich starb 985 als Markgraf.
Nachdem Adam die für längere Zeit letzte Auseinandersetzung Hamburgs mit Slawen (vermutlich fälschlich) in die Zeit des Erzbischofs Libentius I. datiert hatte, der 1013 starb, soll die Zeit von dessen Nachfolger Unwan (gestorben 1029) eine Periode des Friedens mit den Slawen gewesen sein. Aber darum wird es erst in der nächsten Folge dieser Reihe gehen.
Insgesamt erweist sich Adam von Bremen als wenig trittsicher, wenn es um die Geschichte Hamburgs im 10. Jahrhundert geht. Er blieb oft vage, vertat sich bei der Datierung der Ereignisse und brachte Personen und Fakten durcheinander. Dabei lag diese Zeit ja seinem eigenen, dem 11. Jahrhundert näher als die Epoche Ansgars und Rimberts, über die er im ersten Buch seiner Kirchengeschichte berichtet hatte. Seine Unsicherheit rührte wohl daher, dass dem im September 1041 durch eine Brandstiftung ausgelösten Bremer Brand auch die Dombibliothek zum Opfer gefallen war. Adam, der seine Chronik in den 1070er Jahren schrieb, fehlten daher entscheidende Dokumente. Für Ereignisse des 9. Jahrhunderts berief er sich auf Rimberts Vita Anskarii sowie Urkunden Ludwigs des Frommen und Papst Nikolaus I., die er in Bremen hätte einsehen können; sie müssten also vor dem Feuer gerettet oder später als Kopien wiederbeschafft worden sein. Da es sich bei den erwähnten Urkunden ohnehin um Fälschungen handelte, kann man davon ausgehen, dass nach einem Verlust einfach neue Fälschungen angefertigt worden waren. Dokumente aus dem 10. Jahrhundert wurden von Adam nicht angeführt, und als einzigen Gewährsmann erwähnt er den dänischen König Sven Estridsson (1020–1076), mit dem er offenbar längere Gespräche geführt hatte. Sven konnte von der Zeit seines Urgroßvaters Harald Blauzahn erzählen, aber keinerlei Informationen zu Hamburg beitragen. Seine blutrünstigen Geschichten über das Martyrium, das christlichen Dänen und Slawen in der Gewalt von Heiden erlitten hätten, scheinen Legenden über entsprechende Massaker in Hamburg inspiriert zu haben, für die es jedoch keine Belege gibt.
Adams Unsicherheit hat sich auf spätere Autoren bis in unsere Zeit übertragen. So kam es zu einer scheinbaren Vervielfältigung von Angriffen der Slawen, indem einmal vom Slawenaufstand 983 berichtet wurde, und dann, unter Berufung auf Adam von Bremen, von Konflikten in den Jahren 1002 und vor 1013, obwohl Adam da ebenfalls vom Slawenaufstand erzählte, nur irrtümlich drei oder vier Jahrzehnte später datiert. Dieser Fehler unterlief selbst noch Rainer-Maria Weiss, dem Direktor des Archäologischen Museums Hamburg (Mythos Hammaburg – Fakten und Fiktionen zur Frühgeschichte Hamburgs In: Mythos Hammaburg (2014), S. 17–53), der Adams Kirchengeschichte als Referenz für eine Erhebung der Abodriten 1018 heranzog, wobei Adam dieses Datum nicht einmal erwähnt hatte.
In der Chronica Slavorum (um 1167) berichtet Helmold von Bosau sogar noch von einer Zerstörung der Hammaburg im Jahre 1028, doch da war sie bereits von der Neuen Burg abgelöst worden. „Zerstört“ wurde die überflüssig gewordene Befestigung um diese Zeit tatsächlich, allerdings mit dem Einverständnis des früheren Burgherrn und zu dem Zweck, einen planen Baugrund für eine Kirche zu schaffen, den ersten Hamburger Dom.
Welche Angriffe gab es nun tatsächlich, und welchen Schaden richteten sie an? Adams Angaben zu einer Verheerung um 915 gehen nicht in die Details, und auch was in der Zeit des Slawenaufstands um 983 passierte, war ihm offenbar nicht genau bekannt. Verlässlichere Auskünfte könnte man sich dagegen von den Archäologen erhoffen.
Bei den Grabungen auf dem Domplatz und der Siedlung (Wik) westlich der Burg wurden Brandschichten gefunden, die für kriegerische Ereignisse sprechen, aber sie lassen sich nicht präzise datieren – nur Keramikfunde geben relativ grobe Hinweise. Fest steht, dass die Hammaburg und der Wik im 10. Jahrhundert kontinuierlich besiedelt blieben; eine Zerstörung der Burg lässt sich ausschließen, und sie wurde auch nicht mehr wie noch nach dem Überfall der Wikinger 845 für längere Zeit aufgegeben. Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt wurde der Burgwall durch Aufschüttungen an der Außenseite massiv verstärkt und erreichte schließlich eine Breite von rund 22 Metern. All das ergibt das Bild einer Stadt, die sich Angriffen zu erwehren hatte, diesen aber erfolgreich widerstand.
Der Slawenaufstand von 983: Wer rebellierte gegen wen?
Das, was gemeinhin „Slawenaufstand“ genannt wird, war eigentlich ein Aufstand der Lutizen. Dieser Bund autonomer Stämme ohne einen gemeinsamen Herrscher siedelte im Süden Mecklenburgs und Vorpommerns sowie im Norden Brandenburgs. Die Lutizen hatten sich standhaft der Christianisierung widersetzt und unterhielten eine als Tempelburg in oder an einem See beschriebene Anlage, die gleichzeitig als politisches Zentrum diente. Wo dieser Ort namens Rethra oder, wie Thietmar von Merseburg schrieb, Riedegost lag, konnte bislang nicht bestimmt werden; eine Vielzahl von Kandidaten für seine Lokalisierung sind weit über die Mecklenburgische Seenplatte verstreut.

Dietrich von Haldensleben, der sächsische Graf der Nordmark, sollte die Slawen „befrieden“, stellte sich dabei aber offenbar ungeschickt an – seine unprovozierte Beleidigung Mistislaws hatte ich bereits erwähnt. Den mittelalterlichen Chronisten galt er als unfähig und habgierig, und sie lasteten es vor allem ihm an, dass sich die heidnischen Lutizen schließlich zu einem Aufstand gegen die christlichen Sachsen verabredeten. Sie eroberten Havelberg und Brandenburg und schließlich ein großes Gebiet bis fast nach Magdeburg. Dietrich, der seinen Sitz in Brandenburg hatte, musste fliehen, konnte aber eine Armee organisieren, die die Lutizen wieder zurückdrängte, ohne sie entscheidend besiegen zu können. Havelberg und Magdeburg blieben verloren und das Projekt einer Christianisierung aller Slawen war für längere Zeit beendet. In den folgenden Jahren kam es noch zu weiteren militärischen Auseinandersetzungen, aber die Lutizen konnte ihre Unabhängigkeit und Religion bis in das 12. Jahrhundert hinein bewahren.
Die Abodriten und ihr Samtherrscher Mistiwoj hatten mit all dem nichts zu tun, könnte man denken. Aber nicht nur Adam von Bremen beschrieb Mistiwoj als einen der Anführer des Slawenaufstands; schon Thietmar von Merseburg (975/976–1018) hatte in seiner zwischen 1012 und 1018 verfassten Chronik darüber berichtet. Helmold von Bosau unterstellte Mistiwoj in der Chronica Slavorum (um 1167), er hätte sich in Rethra heimlich mit den Lutizen zum Aufstand verschworen. Dem steht allerdings entgegen, dass er offenbar zeitlebens Christ blieb und ein gutes Verhältnis zu Kaiser Otto III. pflegte. Er war eher ein Leidtragender des Aufstands, denn dessen Erfolg inspirierte die abodritischen Teilstämme der Zirzipanen und Kessiner, sich dem Lutizenbund anzuschließen. Das Bistum Oldenburg auf dem Territorium der Wagrier ging 983 unter und auch dieser Stamm wandte sich erneut dem Heidentum zu. Der Abfall einzelner Stämme schwächte Mistiwojs Machtposition, und dass er daraufhin mit den befreundeten Billungern gebrochen und das sächsische Transalbingien und speziell Hamburg verwüstet hätte, wäre schwer zu erklären und passte nicht zu seinem Verhalten nach 983.
Adam von Bremen schrieb rund 90 Jahre nach diesen Ereignissen und konnte sich nicht auf schriftliche Zeugnisse berufen. Helmold, der sich wiederum auf Adams Bericht verließ, verfasste seine Chronik in noch größerer zeitlicher Distanz. Allein Thietmar hatte die Zeit des Aufstands selbst erlebt, wenn auch nur als knapp Achtjähriger aus noch halbwegs sicherer Entfernung, doch klingt sein Bericht über Mistiwojs Rolle im Slawenaufstand wenig glaubwürdig:
Mistiwoj, Herzog der Abodriten, verbrannte und plünderte Hamburg, wo einst ein Bischofsitz war. Was für Wunderzeichen aber Christus daselbst vom Himmel herabgesandt, das merke voll Andacht die gesamte Christenheit: Aus der Höhe herab kam eine goldene Hand, senkte sich mit ausgestreckten Fingern mitten in die Feuersbrunst und schwebte angefüllt wieder zurück in die Wolken. Dies sah staunend das Heer, dies voll Schreckens Mistiwoj. Mir wurde es von Avico erzählt, der damals sein Kapellan, nachher mein geistlicher Bruder war. Ich aber bin mit ihm zu der Ansicht gelangt, dass die Reliquien der Heiligen in dieser Weise von der Hand des Herrn erfasst zum Himmel emporgeschwebt sind und die Feinde geschreckt und verjagt haben. Mistiwoj aber ward darauf wahnsinnig, so dass er in Ketten gelegt werden musste, und als man ihn mit Weihwasser besprengte, schrie er: „St. Laurentius verbrennt mich!“ Er verschied elendiglich, ohne seiner Bande wieder frei zu werden. (Chronik, drittes Buch, Kapitel 11)
Entgegen dieser dramatischen Schilderung von Mistiwojs Ende regierte dieser noch einige Jahre nach dem Slawenaustand sein geschrumpftes Reich und starb erst zwischen 990 und 995. Danach erbte sein Sohn Mistislaw die Herrschaft über die Abodriten, und auch dieser blieb zeitlebens Christ sowie ein Freund der Billunger, bei denen er 1018 nach einem weiteren Angriff der Lutizen um Asyl ersuchen musste.
Nun wäre es durchaus denkbar, dass die Lutizen selbst auf ihrem Feldzug gegen die christlichen Sachsen das Gebiet der Abodriten durchquert und die sächsischen Gebiete an der Elbe angegriffen hätten; auch individuelle Aktionen einzelner Gruppen von Abodriten, angesteckt vom Furor der Lutizen, wären möglich gewesen, doch bleibt das spekulativ.
Exkurs: Die Sachsen auf dem Marsch durch die Institutionen
Geschichte wird von den Siegern geschrieben – diese Einschätzung, die wohl auf Theodor Lessing (1872–1933) zurückgeht, stimmt oft, ist aber keineswegs allgemeingültig, wie man am Beispiel der Sachsen sehen kann. Karl der Große hatte sie in den blutigen Sachsenkriegen (772–804) unterjocht, ihre Heiligtümer zerstört und sie zwangsweise zum Christentum bekehrt, um ihre Gebiete dem Frankenreich einzuverleiben. Man hätte erwartet, dass eine sächsische Identität damit ausgelöscht worden wäre, aber möglicherweise hat sie Karl überhaupt erst geschaffen.
Die Sachsen waren ja kein Stamm und der Name „Sachsen“ eine Fremdbezeichnung – so fasste man eine lose Gruppe von Stämmen im Norden Germaniens zusammen, die eine heidnische Religion praktizierten und keine Friesen waren – die Friesen galten schon seit den Zeiten des römischen Reichs als eigenständig. Erst die Gegnerschaft zu den Franken machte aus den verschiedenen sächsischen Stämmen eine Einheit, die ihre Niederlage überdauerte.

Die Karolinger, also die Angehörigen der von Karl dem Großen begründeten Dynastie, starben 911 im Osten des Frankenreiches und 987 auch im Westen aus. Im Osten wurden sie von den Konradinern abgelöst und diese 919 von den Liudolfingern. Auf den Liudolfinger König Heinrich I. (um 876–936) folgten die Kaiser Otto I. (912–973), Otto II. (955–983), Otto III. (980–1002) und Heinrich II. (973 oder 978–1024), und nach den berühmtesten Herrschern dieser Dynastie werden sie auch als Ottonen bezeichnet. Die Liudolfinger oder Ottonen waren Sachsen, und mit ihrer Herrschaft verschob sich das politische Zentrum des Reichs, das zu Zeiten Karls des Großen in Aachen gelegen hatte, in das östliche Niedersachsen und nach Sachsen-Anhalt, also in das Gebiet rund um den Harz. So hatten die unterworfenen Sachsen schließlich Karls Reich geerbt.
Auch der wichtigste Chronist dieser Zeit, der Mönch Widukind von Corvey, (um 925–nach 973), war Sachse, wie man schon an seinem Namen erkennt: Widukind hieß ein legendärer sächsischer Anführer, der Karl lange Widerstand geleistet hatte, bis auch er sich 785 gezwungenermaßen taufen ließ; über sein sonstiges Leben ist wenig bekannt. Dass der gleichnamige Mönch sein Nachkomme war, wie spekuliert wird, ist unsicher; er selbst hatte es nie behauptet. Widukind von Corveys Sachsengeschichte Res gestae Saxonicae (die erste Fassung entstand um 967, wurde aber noch mehrfach vom Autor überarbeitet) wäre nun eine Gelegenheit gewesen, die Sachsenkriege aus der Sicht der Unterlegenen neu zu erzählen, doch er tat nichts dergleichen. Ganz im Gegenteil entschuldigte er Karl, der einst in Verden an der Aller 4500 sächsische Kriegsgefangene abgeschlachtet haben soll (die Zahl der Opfer ist umstritten), weil er den Sachsen doch nur Gutes getan und sie zu Christus geführt hätte:
Aber Karl der Große, der tapferste der Könige, stach durch große Weisheit hervor. Denn er dachte, da er zu seiner Zeit klüger als jeder Sterbliche war, dass sein berühmtes Nachbarvolk nicht im leeren Irrglauben verharren dürfe. Er überlegte hin und her, wie das Volk auf den rechten Weg zu führen sei. Und er zwang es teils durch sanfte Überredung, teils durch kriegerische Attacken dazu. Im dreißigsten Jahr seines Kaisertums – zuerst König, wurde er zum Kaiser gewählt – erreichte er schließlich durch seine Bemühung, was er in der ganzen Zeit nie vernachlässigt hatte: So wurden die, die einst Bundesgenossen und Freunde der Franken waren, nun Brüder, und wie wir jetzt sehen, wurde aus dem christlichen Glauben gleichsam ein Volk. (Res gestae Saxonicae I, 15)
Diese stark beschönigende Darstellung wird religiös, aber auch politisch motiviert gewesen sein. Zum einen war Widukind zwar Sachse, aber vor allem Christ, und so konnte er die zwangsweise Bekehrung seines Volkes nur als Fortschritt begreifen. Zum anderen erschien es ihm in der Zeit der Ottonen wohl unangebracht, weiterhin mit Vergangenheit zu hadern. Der sächsische Adel war am Ende seines langen Marsches durch die fränkischen Institutionen angelangt und stellte nun die Kaiser des Ostfrankenreichs. Die Ursprünge dieses Reichs im Nachhinein zu verdüstern hätte auch den Sachsen mehr Schaden als Nutzen gebracht.
Christen in Hamburg – aber keine Kirche?
In Adam von Bremens Hamburgischer Kirchengeschichte klafft eine Lücke: Ansgars kleine Kirche hatten die Wikinger 845 niedergebrannt, und folgt man Adams Darstellung, wurde um 1025 ein erster, noch hölzerner Dom gebaut; in den rund 180 Jahren dazwischen jedoch scheint es in Hamburg keine Kirche gegeben zu haben. Wie muss man sich da das Leben der Christen in der Stadt – immerhin das nominelle Zentrum eines Erzbistums – vorstellen, wenn sie weite Wege zur nächsten Kirche zurücklegen mussten?
Dass es Christen in Hamburg gab, haben die Archäologen nachgewiesen. Bei Ausgrabungen südlich des Hammaburg-Platzes nahe der Großen Reichenstraße wurde ein aus Knochen geschnitzter Kreuzanhänger aus dem 10. Jahrhundert gefunden, und eine Kreuzfibel (Gewandschließe) vom Hammaburg-Platz selbst ist sogar noch älter. Die Träger dieses Schmucks kennzeichneten sich damit als Christen. Andererseits erzählte Adam von Bremen, dass die Erzbischöfe bis in das 11. Jahrhundert gegen die Verehrung der sächsischen Götter in heiligen Hainen vorgingen:
Er verordnete auch, dass alle heidnischen Gebräuche, deren abergläubische Beobachtung noch in diesem Lande herrschte, von Grund auf entfernt werden sollten. So ließ er aus den Hainen, welche unsere Marschbewohner in törichter Verehrung besuchten, die Kirchen durch den ganzen Sprengel neu bauen. (Buch 2, Kapitel 46)
Man könnte sich also vorstellen, dass im Erzbistum Hamburg-Bremen damals Christen und Heiden nebeneinander lebten, aber wahrscheinlich war die Realität komplexer. Christentum und Heidentum waren keine binären Optionen, und wer sich taufen ließ und so zum Christentum bekannte, könnte je nachdem, wie es die Umstände gerade ratsam erscheinen ließen, statt zu Christus oder zur Jungfrau Maria auch zu germanischen Göttern oder Göttinnen gebetet haben, wenn diese in der jeweiligen Angelegenheit als wirksamer eingeschätzt wurden.
Aus der Geschichte kennen wir Beispiele dafür, wie sich christliche und nicht-christliche Glaubensinhalte zu synkretistischen Religionen vermischt haben. Beispielsweise wurden die aus Westafrika in die Neue Welt verschleppten Sklaven zwangsweise getauft, behielten ihre ursprüngliche Religion jedoch weitgehend bei. Die Götter der Yoruba, die Orixá, wurden in der Folge mit christlichen Heiligen identifiziert, deren Eigenschaften und Attribute jeweils passend erschienen, und so kann eine Heiligenfigur aus dem katholischen Devotionalienhandel auf einem Altar des Candomblé stehen, einem synkretistischen Kult Brasiliens. In Salvador da Bahia wird in jedem Jahr, beginnend mit dem Dreikönigstag, das Volksfest Festa do Bonfim gefeiert, das gleichzeitig dem christlichen Senhor do Bonfim (dem Herrn vom guten Tod) und Oxalá, einem der Orixás der Yoruba-Religion gewidmet ist; die katholische Kirche betrachtet es daher mit Argwohn.

Zu einer ähnlichen Vermischung scheinbar unvereinbarer Glaubensinhalte könnte es auch im frühmittelalterlichen Sachsen gekommen sein, und sie könnte beispielsweise die heidnisch-germanischen Motive an den Kapitellen in der Ostkrypta des Bremer Doms erklären, von denen ich bereits berichtet hatte.

Welche religiösen Vorstellungen die Hamburger des 10. Jahrhunderts hatten, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, aber sicher scheint, dass sich wenigstens ein Teil von ihnen als Christen verstand, wie auch immer dieses Christentum konkret aussah. Diese christlichen Hamburger brauchten aber einen Priester und eine leicht erreichbare Kirche, um ihre Religion zu praktizieren. Wo sonst hätten sie ihre Kinder taufen lassen sollen, wo das Abendmahl feiern und wo am Ende des Lebens bestattet werden? Heidnische Sachsen zogen ein Begräbnis nahe dem Wohnort vor, und auch Plätze in der Umgebung von Hügelgräbern waren beliebt, vielleicht weil man sich dort den Ahnen nahe fühlte. Für das Seelenheil eines Christen kam dagegen nur ein Grab in der geweihten Erde eines Kirchhofs infrage.

Nur für ein wichtiges Lebensereignis hätten die damaligen Christen auf eine Kirche verzichten können, und das war die Hochzeit. Die Ehe gilt Christen als Sakrament, nur wird es von den Eheleuten selbst und nicht von einem Priester gespendet. In der Frühzeit des Christentums hatte es noch gar keinen kirchlichen Ritus für Eheschließungen gegeben, und erst im Laufe des 9. Jahrhunderts wurden vereinzelt Brautpaare in Kirchen getraut. Dieser neue Brauch setzte sich nur langsam durch, und im 10. Jahrhundert würden die Hamburger zumindest in dieser Hinsicht auch ohne Kirche nichts vermisst haben.
Wenn die von Rimbert, Adam von Bremen und anderen Autoren beschworene Dringlichkeit bestand, die verbliebenen Heiden in den Schoß der Kirche zu holen, hätte diese Kirche auch dafür sorgen müssen, dass die Bekehrten nach den Regeln ihres neuen Glaubens leben konnten. Dass es in Hamburg rund 180 Jahre lang keinen Kirchenbau gegeben hätte, ist kaum glaubhaft, und angesichts Adams lücken- und fehlerhafter Beschreibung des 10. Jahrhunderts, die sich allein auf Hörensagen stützt, haben wir keinen besonderen Grund, ihm in dieser Sache zu vertrauen.
Abgesehen von Ansgars Kirche, die 845 den Wikingern zum Opfer gefallen war, und Erzbischof Unwans Dombau, zwei Jahrhunderte später, gilt Sankt Petri als älteste Hamburger Kirche. Erstmals schriftlich erwähnt wurde sie 1195 als ecclesia forensis (Marktkirche), hatte aber wohl einen Holzbau als Vorgänger, der spätestens Anfang des 11. Jahrhunderts errichtet worden war. Die Überreste von Ansgars Kirche, die man lange innerhalb des Burgwalls der Hammaburg zu lokalisieren versucht hatte, wurden bis heute nicht gefunden, und Archäologen wie Historiker vermuten sie mittlerweile nahe bei oder direkt unter Sankt Petri. Die heutige Petrikirche wurde 1327 geweiht und nach dem Hamburger Brand bis 1849 wieder aufgebaut. Ihr Standort befindet sich auf dem höchsten Punkt des Geestsporns zwischen Alster und Elbe, auf dem die Hammaburg lag, und so musste er für einen Kirchenbau ideal erscheinen.

Falls diese Vermutung zutrifft und es also eine Ortskontinuität von Kirchenbauten zwischen 834, als Ansgar in Hamburg eintraf und seine Kirche baute, und der heutigen Zeit gegeben hat, läge es nahe, spekulativ von einem Kirchenbau an derselben Stelle auszugehen, der dort die Lücke zwischen 845 und der Erwähnung der späteren Kirche Sankt Petri als ecclesia forensis geschlossen hätte. Vielleicht schon in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, aber spätestens im Zuge des Baus der dritten Hammaburg um 900. Wie hätte sich schließlich Erzbischof Adalgar lumpen lassen können, als (wahrscheinlich) Graf Billung eine neue, stark vergrößerte Hammaburg errichtete? Schon zur Wahrung der Selbstachtung eines nominell hamburgischen Erzbischofs wäre ein die Burg ergänzender Kirchenbau unverzichtbar erschienen.
Ein Papst in Hamburg
965/66 wäre das Fehlen einer Kirche besonders peinlich gewesen, denn damals lebte ein Papst in Hamburg: Benedikt V.. Ein ehemaliger Papst zwar, der auf den Rang eines Diakons zurückgestuft worden war, aber er hatte sicher damit gerechnet, in Hamburg eine geistliche Wirkungsmöglichkeit vorzufinden. Wie er überhaupt dorthin gekommen war, ist eine verworrene Geschichte, die für die damalige Zeit allerdings nicht untypisch war.
Wir sind heutzutage ein streng geregeltes Verfahren für die Papstwahl gewohnt, aber das war im 10. Jahrhundert noch nicht etabliert, und wer Papst werden wollte, brauchte vor allem mächtige Unterstützer, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Politik. Damals war es Otto I., der das letzte Wort hatte: Johannes XII. war 955 mit Ottos Segen zum Papst gewählt worden, und dieser Papst hatte daraufhin König Otto 962 zum Kaiser gekrönt. Nur ein Jahr später aber überwarf sich Johannes, der als ungebildet und als Serien-Ehebrecher galt, mit dem Kaiser, woraufhin dieser eine Synode einberief, um ihn abzusetzen. Die Vorwürfe gegen ihn umfassten Mord, Meineid, Tempelschändung, Blutschande, Zutrinken auf den Teufel sowie die Anrufung heidnischer Götter, wobei die letzten beiden Anklagepunkte wohl frei erfunden waren. Tatsächlich wurde Johannes XII. seines Amtes enthoben und auf Ottos Wunsch durch Leo VIII. ersetzt – der war allerdings Laie und musste innerhalb weniger Stunden nacheinander zum Ostiarius, Lektor, Exorzisten, Akolythen, Subdiakon, Diakon, Priester und Bischof geweiht werden, bevor er dann Papst werden konnte. Kaum hatte der Kaiser jedoch Rom verlassen, berief Johannes XII. im Februar 964 eine eigene Synode ein, um seinerseits Leo VIII. abzusetzen, und kehrte auf diesem Wege auf den apostolischen Stuhl zurück, während Leo VIII. beim Kaiser Schutz suchen musste. Lange konnte sich Johannes XII. nicht an seinem Sieg erfreuen, denn schon im Mai starb er – angeblich während sexueller Eskapaden mit einer verheirateten Frau, vielleicht an einem Schlaganfall, vielleicht auch durch die Hand des gehörnten Ehemanns.
Seine Anhänger wählten als Nachfolger Benedikt V., einen gelehrten Mann, gegen den nichts zu sprechen schien – außer dass niemand Kaiser Otto um dessen Zustimmung zu seiner Wahl gebeten hatte. Otto zog mit Leo VIII. im Gefolge wieder nach Rom, belagerte die Stadt und verlangte die Auslieferung des seiner Auffassung nach illegitimen Papstes. So konnte Leo in sein altes Amt eingesetzt werden und der glücklose Benedikt V. musste den Weg in die Verbannung antreten. Doch auch Leo VIII. brachte Ottos Intervention kein Glück, denn schon nach wenigen Monaten starb er.

Benedikt wurde Erzbischof Adaldag unterstellt, der zum Gefolge des Kaisers gehörte und den abgesetzten Papst an seinen Verbannungsort bringen sollte. Nicht nach Bremen, wo Adaldag selbst seinen Sitz hatte, sondern nach Hamburg. Die Details sind unklar: Die Hammaburg gehörte ja Herzog Hermann Billung, nicht Adaldag, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Erzbischof dort ein Haus besaß, das als Unterkunft für Benedikt geeignet gewesen wäre. Er selbst hielt sich offenbar nie länger in Hamburg auf. Vielleicht musste Adaldag den Burgherrn um Amtshilfe ersuchen, damit dieser Kost und Logis für den verbannten Papst bereitstellte.
Wie Adam von Bremen berichtete, schätzte ihn Adaldag: „der Erzbischof aber hielt ihn bis an seinen Tod in hohen Ehren. Denn er soll ein frommer und gelehrter Mann gewesen und des apostolischen Stuhles wohl würdig erschienen sein“. Aber Benedikt fremdelte mit dem Hamburger Wetter; ihm wird der Ausspruch „Bei euch Hyperboreern kann kein italisch Herz warm werden“ zugeschrieben (Hyperborea war ein sagenhaftes Land, das die Griechen der Antike im hohen Norden lokalisierten). An einem 4. Juli starb er, entweder 966 oder schon 965. Dafür, dass Benedikt zu diesem Zeitpunkt für eine Rehabilitierung und die Nachfolge Leos VIII. im Gespräch gewesen wäre, wie Adam suggeriert, gibt es keinerlei Beleg.
Nachdem bereits unklar war, wie der lebende Papst in Hamburg eine Unterkunft gefunden hatte, bleibt auch seine (vor-) letzte Ruhestätte ein Rätsel. Nach den üblichen Gepflogenheiten wäre allein die Bestattung in einer Kirche für Benedikt angemessen gewesen – aber in welcher Kirche? Oft ist zu lesen, sein Grab hätte sich im Dom befunden, doch das kann nicht sein. Hamburgs erster Dom wurde erst in den 1020er Jahren gebaut, rund 60 Jahre nach Benedikts Tod. Und bereits 988 oder spätestens 999, also rund 30 Jahre vor dem Dombau, waren seine Gebeine vom Bremer Kapellan Razo (gestorben 999) nach Rom überführt worden. Im Hamburger Mariendom, dem mutmaßlich dritten Dom aus dem 13. Jahrhundert, gab es lediglich ein Kenotaph, also ein Scheingrab, das an die einstige Anwesenheit eines (Ex-) Papstes in Hamburg erinnern sollte, aber 1782 zerstört wurde. Erhalten geblieben sind nur einige Bruchstücke der verwendeten Fayence-Fliesen (in der Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte) und ein Kupferstich der Grabplatte von 1661, aber mit seinem temporären echten Grab hat das Kenotaph ohnehin nichts zu tun. Rainer-Maria Weiss, der Direktor des Archäologischen Museums Hamburg, hat die Alternative ins Gespräch gebracht, Benedikts sterbliche Überreste könnten statt in einem Grab in einem Schrein deponiert worden sein, in Erwartung einer späteren Überführung, zu der es dann ja tatsächlich gekommen war. Aber ob Benedikt nun unter einer Grabplatte oder in einem Schrein lag – es hätte in einer Kirche sein müssen, und das kann nicht der Dom gewesen sein.
Nicht nur die Bedürfnisse der Hamburger Christen, auch die Notwendigkeit, einem in Hamburg verstorbenen kirchlichen Würdenträger eine adäquate Ruhestätte zu bieten, hätte einen Kirchenbau erfordert. Benedikts Tod liefert also ein weiteres Argument für die Existenz einer Kirche zwischen der Zerstörung von Ansgars Kirche 845 und dem Bau des ersten Doms im 11. Jahrhundert. Einen definitiven Nachweis dieser hypothetischen Kirche können nur die Archäologen liefern, wenn sie einmal die Chance zu Grabungen im Bereich der Petrikirche erhalten.
Exkurs: Benedikts Fluch
Nach einer Legende, von der Thietmar von Merseburg in seiner zwischen 1012 und 1018 abgefassten Chronik berichtet, soll der nach Hamburg abgeschobene Papst vor seinem Tod am 4. Juli (vermutlich) des Jahres 966 eine düstere Zukunft seines Verbannungsorts prophezeit haben:
Mein hinfälliger Leib muss sich hier auflösen; dann aber wird dieses ganze Gebiet mit dem Schwerte der Heiden zur Verwüstung und wilden Tieren zur Wohnung preisgegeben werden, und seine Einwohner werden vor meiner Überführung weder Ruhe noch Frieden finden. Doch wenn ich daheim bin, hoffe ich, durch päpstliche Fürbitte, die Heiden zur Ruhe zu bringen.
Dieser Fluch, der gleichzeitig den Weg wies, wie Hamburg durch eine Überführung von Benedikts Gebeinen nach Rom zu retten wäre, ist sicherlich nicht historisch. Adam von Bremen kannte ihn übrigens nicht; falls es in der bremischen Bibliothek eine Abschrift von Thietmars Chronik gegeben hatte, war sie wohl im Bremer Brand zugrunde gegangen. Diese Legende trägt vielmehr alle Anzeichen einer ätiologischen oder Erklärungssage, was sie für Historiker wiederum interessant macht.
Der Kern einer ätiologischen Sage soll irgendeinen Sachverhalt erklären – etwa weshalb eine Stadt so heißt, wie sie heißt, warum an einem Ort ein bestimmtes Bauwerk steht, weshalb lokale Bräuche gepflegt werden oder was ein Tabu motiviert. Man erkennt solche Sagen daran, dass ihr Erzähler am Ende auf eine Folge der beschriebenen Ereignisse verweist, die seinem Publikum vertraut, aber bislang unverständlich war. Für Historiker sind Erklärungssagen aufschlussreich, weil sie zwei Zeitebenen enthalten – die der eigentlichen Sage, die in der Vergangenheit, oft einer grauen Vorzeit spielt, und die Zeit des zu erklärenden Sachverhalts. Für uns liegt auch diese Zeitebene in einer entfernten Vergangenheit, aber für das Publikum des ursprünglichen Erzählers war sie dessen Gegenwart. Die sagenhafte Geschichte mag allein zu dem Zweck erfunden worden sein, einen Sachverhalt plausibel zu erklären, aber dass dieser Sachverhalt tatsächlich bestand, ist durchaus glaubhaft. Andernfalls hätte es schließlich keinen Anlass gegeben, überhaupt eine Erklärung zu erfinden, und eine grobe Verfälschung der damals allgemein bekannten Tatsachen hätte das Publikum nicht akzeptiert. So haben Erklärungssagen durchweg einen wahren Kern, auch wenn er sich erst in ihrem letzten Absatz findet.
In der hebräischen Bibel beispielsweise finden sich zahlreiche solcher Erklärungssagen. Das Buch Josua berichtet davon, wie Jahwe den Lauf des Jordan angehalten hätte, damit die Israeliten den Fluss trockenen Fußes überqueren konnten. Dabei hätten sie zwölf Steine vom Flussbett des Jordan an das westliche Ufer getragen, um sie dort aufzustellen. Dort heißt es (zitiert nach der Einheitsübersetzung):
Das Volk zog am zehnten Tag des ersten Monats durch den Jordan und schlug in Gilgal, am Ostrand des Gebietes von Jericho, sein Lager auf. In Gilgal stellte Josua die zwölf Steine auf, die man aus dem Jordan mitgenommen hatte. Er sagte zu den Israeliten: Wenn eure Söhne morgen ihre Väter fragen: Was bedeuten diese Steine?, dann sollt ihr sie belehren: Hier hat Israel trockenen Fußes den Jordan durchschritten … (Josua, Kapitel 4, Vers 19–22)
Dem Kern der Sage, dass der Gott der Israeliten den Fluss aufgestaut hätte, um ihnen dessen Querung zu erlauben, müssen wir nicht unbedingt Glauben schenken, aber dass es zur Entstehungszeit dieser Erzählung – im 7. oder 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – einen „Gilgal“ genannten Ort nahe Jericho gab, an dem zwölf große Steine standen, wird vermutlich stimmen. Auch wenn diese Steine wohl nicht ursprünglich aus dem Jordan stammten.

Eine andere Erklärungssage, in der es ebenfalls um Steine geht, liegt uns zeitlich wie geografisch näher: Zwei Riesen, die in Lübeck beziehungsweise Hamburg lebten, hätten sich einst mit großen Felsbrocken beworfen. Vielleicht wollten sie auch gemeinsam die Bergstedter Kirche zerstören, wie eine Variante der Sage berichtet, aber welches Ziel sie auch immer treffen wollten – sie verfehlten es. Einer der Riesensteine sei im Hamburger Stadtteil Sasel niedergegangen und noch immer dort zu finden, ein anderer in Bargteheide. Tatsächlich lag bis in das 19. Jahrhundert ein von einem eiszeitlichen Gletscher nach Norddeutschland transportierter Findling nahe der Kreuzung der Straßen Beim Riesenstein (womit auch dieser Straßenname erklärt wäre) und Mergelgrund, der mit mehr als vier Metern Länge und zwei Metern Höhe wahrhaft riesige Abmessungen hatte. Leider wurde er um 1850 gesprengt; seine Bruchstücke fanden dann bei Baumaßnahmen in Berne Verwendung. Heute erinnert dort nur noch eine Plakette auf einem sehr viel kleineren Stein daran. Auch diese Geschichte folgt also dem generellen Schema einer Erklärungssage: Die streitsüchtigen Riesen waren frei erfunden, ihre riesigen Steine jedoch real.
Wenn wir dieses Muster nun für die Interpretation der Sage von Benedikts Fluch nutzen, können wir schlussfolgern, dass sie allein zu dem Zweck erfunden worden war, eine Kette slawischer Angriffe auf die Hammaburg zu erklären, die nach einigen Jahrzehnten endete. Hamburg wäre also in der Zeit zwischen Benedikts Tod (965 oder 966) und der Überführung seiner sterblichen Überreste nach Rom (spätestens 999) von Heiden bedroht gewesen, danach jedoch nicht mehr. Das müsste dem Wissensstand der Menschen entsprochen haben, die das ursprüngliche Publikum der Sage bildeten und die es selbst erlebt oder von Älteren erzählt bekommen hatten. Dies würde die oben geäußerte Vermutung bestätigen, dass die Berichte über angebliche Angriffe der Slawen am Beginn des 11. Jahrhunderts, die sich in Adams Kirchengeschichte finden, auf eine Fehldatierung früherer Ereignisse zurückgehen. Andernfalls hätte sich die Überführung von Benedikts Gebeinen als nutzlos und dessen Versprechen, sich im Jenseits für die Sicherheit Hamburgs einzusetzen, als wirkungslos erwiesen – die Geschichte über Benedikts Fluch wäre witzlos gewesen.
Die eigene Geschichte
Die Bürger Hamburgs im 10. Jahrhundert hatten keine Stimme; über ihr Schicksal wurde anderswo, in Bremen beziehungsweise Lüneburg bestimmt. Sie waren auch keine Chronisten ihrer eigenen Geschichte, schon weil die meisten vermutlich weder lesen noch schreiben konnten. Hamburg ließ sich damals noch kaum als Stadt bezeichnen; es bestand nur aus einer zweitrangigen Burg, einer kleinen Siedlung und dem Popanz eines Erzbistums, erfunden zu dem Zweck, dass sich die bremischen Bischöfe als hamburgische Erzbischöfe gerieren konnten.

Auch das 11. Jahrhundert änderte daran wenig, aber immerhin starteten sowohl die Erzbischöfe als auch die Billunger Herzöge eine verstärkte Bautätigkeit. Neben der Neuen Burg, gelegen in einer Alsterschleife, entstand anstelle der Hammaburg endlich ein Dom, wie er einem Erzbistum gebührte. Die Erzbischöfe mieden Hamburg nicht länger, sondern teilten ihre Amtstätigkeit zwischen ihren Residenzen in Bremen und Hamburg auf. Unter dem Titel „Die Rückkehr der Erzbischöfe – Hamburg im 11. Jahrhundert“ wird es in der nächsten Folge dieser Reihe darum gehen, wie damals ein neues, größeres Hamburg entstand, wie sich Klerus und Adel danach entzweiten, Hamburg unter die Herrschaft der Wagrier geriet, und warum die allzu ehrgeizigen Pläne der Erzbischöfe, ihr Gebiet bis weit in den Norden auszudehnen, schließlich scheiterten.
