Depravity’s Rainbow: Eine Geschichte von zwei Raketen
4. Mai 2022, 02:09 Uhr
Am Beispiel von Wernher von Braun erzählt der britische Fotograf Lewis Bush die Geschichte der Raumfahrt, die als Projekt der gesamten Menschheit glorifiziert wird, deren Ursprung aber in der Militärtechnik liegt.

Den Anstoß zu seinem Buchprojekt bekam Lewis Bush, als er das erste Foto aus dem Weltraum sah, aufgenommen am 24. Oktober 1946. Wie war das Foto entstanden, wenn doch Sputnik 1, der erste künstliche Erdsatellit, erst 11 Jahre später eine Umlaufbahn erreicht hatte – und nicht einmal eine Kamera besaß? Die Aufnahme stammte von einer Filmkamera an Bord einer ballistischen V2-Rakete, gestartet vom Testgelände White Sands (New Mexico), die eine Höhe von 105 Kilometern und damit nach einer gängigen Definition den Weltraum erreicht hatte. Die US Army hatte im Krieg erbeutete deutsche Raketen in die USA gebracht und dort erprobt. Dieses Hermes-Projekt war der Ursprung einer Entwicklung, die schließlich zur Mondrakete Saturn V führte, maßgeblich verantwortet von demselben Wernher von Braun, der zwei Jahrzehnte zuvor noch als SS-Mann Raketen in KZs hatte bauen lassen, um damit Städte wie London zu beschießen, und von einer Mehrstufenrakete träumte, die New York zerstören könnte. In Bushs Worten hatte von Braun „Sternenstaub in den Augen und Blut an den Händen“.

Für sein Buchprojekt reiste Lewis Bush nach Peenemünde, zum KZ Mittelbau-Dora und an andere Orte, die mit der V2 verbunden sind, und stellte eigene und historische Aufnahmen zusammen, die in Depravity’s Rainbow (etwa: Der Regenbogen der Niedertracht) im Verfahren der Cyanotypie umgesetzt sind. Der Buchtitel ist natürlich eine Anspielung auf Thomas Pynchons postmodernistischen Roman Gravity’s Rainbow (1973), in deutscher Übersetzung als Die Enden der Parabel erschienen. Auch Pynchon thematisiert darin die V2 und erzählt, mit vielen grotesken Abschweifungen, die Suche eines Leutnant Tyrone Slothrop nach dem mysteriösen Schwarzgerät.

Für die Wahl der Cyanotypie führt Lewis Bush mehrere Gründe an: Dieses fotografische Verfahren hatte der Astronom John Herschel erfunden, und in der Form von Blaupausen verwendeten es die Ingenieure, die die ersten Raketen entwickelten, um ihre Konstruktionspläne zu vervielfältigen. Kaliumhexacyanidoferrat(III), eine für die Cyanotypie erforderliche Chemikalie, ist eine Blausäureverbindung, ebenso wie das für den Völkermord in den deutschen Vernichtungslagern eingesetzte Gas.

Depravity’s Rainbow, sagt Bush, „benutzt unwahrscheinliche Lebensgeschichte, um die ebenso widersprüchliche Geschichte der Raumfahrt zu erzählen, und wie ihre militaristischen und expansionistischen Ziele oft unter dem Mantel einer friedlichen, zivilen Wissenschaft versteckt wurden. (…) Das Material ist in einer unkonventionellen narrativen Struktur arrangiert, in der die Zeit gleichzeitig vorwärts und zurück fließt, um die beiden widersprüchlichen Leben Wernher von Brauns einander kontrastierend gegenüberzustellen. … Der Erzählbogen hat die Form der Parabelbahn einer ballistischen Rakete, um die problematischen Lebensgeschichten, moralischen Ambiguitäten und die faustischen Pakte von Brauns und der Raumfahrt generell offenzulegen.“

Der Druck von Depravity’s Rainbow soll in einem noch gut eine Woche laufenden Kickstarter-Projekt finanziert werden. Das Finanzierungsziel von rund 12.000 Euro wurde bereits erreicht, aber wer sich jetzt noch an der Crowdfunding-Kampagne beteiligt (was naturgemäß mit Risiken verbunden ist, die in diesem Fall allerdings überschaubar bleiben), kann das voraussichtlich im Dezember erscheinende Buch für umgerechnet rund 48 Euro erwerben; auch Sonderausgaben mit einzelnen originalen Cynanotypien sind erhältlich.