Die Bilderwelt der Esoterik
1. Februar 2023, 19:05 Uhr
Neben der Ikonographie des Christentums und der Antike existiert eine weniger vertraute Bildwelt verschiedener Geheimlehren, die ebenfalls eine wichtige Inspirationsquelle für Kunst und Literatur war, die Bilderwelt der Esoterik. Der Bildband Alchemie & Mystik führt in die Themen und Motive von Alchemisten, Kabbalisten, Freimaurern, Rosenkreuzern, Gnostikern und anderen Esoterikern ein.
Die schönsten Geschenke sind ja meist die, mit denen man nicht rechnet, und mit Alexander Roobs Alchemie & Mystik aus dem Taschen Verlag hatte mich eine Person, die mich sehr gut kennt, zu Weihnachten überrascht. Das Buch ist nicht wirklich neu; diese Ausgabe stammt aus dem Jahre 2019 und die Originalausgabe erschien bereits 1996, aber ich war bislang nicht darauf aufmerksam geworden.

Motiven aus dem esoterischer Bilderschatz begegnet man manchmal, ohne ihren Hintergrund zu kennen. Leonard Cohens New Skin for the Old Ceremony (1974) beispielsweise, das ich irgendwann in den 70ern gekauft hatte, zierte ein Motiv, das auf einem Holzschnitt aus dem 1550 in Frankfurt veröffentlichten Rosarium philosophorum basierte, einer bebilderten Fassung des alchemistischen Gedichts Sol und Luna. Dass es sich nicht um einen Renaissance-Porno handelte, war mir schon damals klar, nicht aber, dass der König (Sol), die Königin (Luna) und das, was sie miteinander trieben, als Gleichnisse für chemische Prozesse dienen sollten. C. G. Jung hatte diese Bilder wiederum, entgegen ihrer ursprünglichen Intention, psychologisch interpretiert, und vermittelt über sein The Psychology of the Transference (1966) war wohl Cohen darauf aufmerksam geworden. Für den US-Markt war dieses Motiv natürlich zu gewagt, weshalb die Plattenfirma den Holzschnitt dort durch ein Porträt Cohens ersetzte.

Geheimwissenschaften berufen sich meist auf uralte Traditionen, und das gilt auch für die Alchemie und die Kabbalistik. Tatsächlich gehen sie jedoch nicht auf altes ägyptisches oder jüdisches Wissen zurück, sondern entstanden, teilweise inspiriert durch Philosophen des Neuplatonismus und durch gnostische Ideen, frühestens in den ersten Jahrhunderten nach Beginn unserer Zeitrechnung, und sie entwickelten sich erst im frühen Mittelalter zur vollen Blüte. Weder kannten die alten Ägypter schon die Alchemie, noch gab man sich im alten Israel bereits kabbalistischen Spekulationen hin.
Natürlich war all das größtenteils Spinnerei, die höchstens zufällig mal zu interessanten Resultaten führte. Der Wunsch, überall Zusammenhänge zu erkennen, zwischen Metallen, Planeten, Sternbildern, Buchstaben, Farben, Tönen, göttlichen Attributen und vielem mehr, erwies sich nicht als erkenntnisfördernd. Ein brauchbares Ordnungsschema chemischer Elemente entdeckte erst Dmitri Mendelejew im 19. Jahrhundert. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren die ersten Ansätze wissenschaftlichen Arbeitens aber noch kaum von Esoterik und Religion zu trennen, und selbst ein Isaac Newton war beidem zugetan.
Aber obwohl die Ideen der Esoteriker ja eigentlich nur wenigen Eingeweihten offenbart werden sollten, drangen sie doch aus diesem engeren Zirkel heraus. Goethe und Joyce wurden von ihnen ebenso beeinflusst wie William Blake und Philipp Otto Runge. Und natürlich verdankt die Fantasy den Geheimwissenschaften viele Inspirationen. Ein Film wie Roman Polanskis Die neun Pforten (1999) bezieht sich ausdrücklich auf diese Tradition. Wer sich ebenfalls in die Welt der geheimen Lehren vertiefen will, findet in Alchemie & Mystik eine Fülle an Bildmaterial, und gerade genug an Erklärungen zur Bilderwelt der Esoterik, um die Bedeutung der, nun ja, hermetischen Bilder entziffern zu können.