Ausstellungstipp: Maria Lassnig und Edvard Munch

1. April 2026, 12:00 Uhr

2026 entwickelt sich zu einem Jahr für Ausstellungen, in denen Edvard Munch in einen Dialog mit Künstlerinnen tritt. Das Dresdener Albertinum präsentiert seit dem 8. Februar Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens, und seit dem 26. März ist in der Hamburger Kunsthalle Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss zu sehen.

Die Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle

Die Hamburger Kunsthalle hat generell ein glückliches Händchen bei der Kuratierung von Sonderausstellungen aus dem eigenen Bestand, falls sie nicht eigene Bestände als Keimzelle für Ausstellungen nehmen, die dann zusammen mit hochkarätigen Leihgaben eine respektable Größe erreichen. Letzteres ist der Fall bei Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss, einer Kooperation der Kunsthalle mit dem Kunsthaus Zürich mit Beiträgen der Maria Lassnig Stiftung, des Munchmuseet in Oslo und vielen anderen. Die Hamburger Kunsthalle besitzt wichtige Werke Munchs, überwiegend in den 1950er Jahren angekauft, aber schon der Gründungsdirektor Alfred Lichtwark hatte 1896 eine Druckgrafik des damals noch skandalumwitterten Künstlers erworben. Die Kunsthalle war auch das erste deutsche Museum, das sich 1982, nach ihrer Teilnahme an der documenta 7, ein Gemälde Maria Lassnigs gesichert hatte – das Selbstporträt als Prophet, das auch eine wichtige Rolle in der aktuellen Ausstellung spielt.

Maria Lassig: Selbstporträt als Prophet (1967)

Den Norweger Munch (1863–1944) und die Österreicherin Lassnig (1919–2014) trennen 50 Jahre, wenn man nach ihren Geburtsdaten geht; dennoch gibt es Bezüge zwischen ihren Werken, die das Kuratorenteam in den 13, jeweils einem Thema gewidmeten Kapiteln der Ausstellung herausgearbeitet hat. Nebenbeibemerkt ist es ein pet peeve von mir, dass Kuratoren oft entweder innerlich resignieren und es den Besuchern überlassen, Zusammenhänge zu entdecken, oder umgekehrt den Betrachtern ihre – keineswegs alternativlosen – Interpretationen aufzudrängen versuchen. Diese Ausstellung umschifft beide Gefahren, indem sie Anregungen gibt, ohne dem Besucher seine Interpretationsarbeit und damit seine Freiheit abzunehmen.

Brigitte Kölle (Kuratorin, Hamburger Kunsthalle) und Alexander Klar (Direktor)
Hans Dieter Huber und Sandra Gianfreda (Kunsthaus Zürich) vom Kuratorenteam mit Peter Pakesch von der Maria Lassnig Stiftung

Die Lebenszeit beider Künstler – beide blieben bis zum Ende ihres Lebens kreativ – überschnitt sich um 25 Jahre. Im selben Jahr 1944, in dem Maria Lassnig in einem Selbstporträt zu ihrer eigenen Malweise fand, starb Munch in Oslo. Munchs Einfluss auf ihr Werk hat sie in Traditionskette (1983) dokumentiert, einem Gemälde, das Selbstporträts von Velasquez, Munch und van Gogh zitiert und mit ihrem eigenen kombiniert.

Maria Lassnig: Selbstporträt (1944)

Wenn man durch die Ausstellung wandert, die sich über zwei Stockwerke der Galerie der Gegenwart erstreckt, fällt unwillkürlich auf, dass sich Munch und Lassnig einer ähnlichen Farbpalette zu bedienen scheinen; beide zeigen eine Vorliebe für Blaugrün- und Rottöne. Während Maria Lassnig ihre Motive aber gerne vor einem fast weißen Fond platziert, hat Edvard Munch das in seinen Gemälden nie getan.

Maria Lassnig: Adam und Eva (bis 2008)
Edvard Munch: Zwei Menschen. Die Einsamen (1935)

Die 13 Kapitel der Ausstellung sind Themen wie Doppelporträts, Geschlechterverhältnisse, Mensch & Tier oder Krankheit & Tod gewidmet, um die die Kunst beider kreiste. Dabei sind die Werke locker platziert, manchmal kontrastierend, manchmal in einem größeren Zusammenhang der Bilder eines einzelnen Künstlers.

Doppelporträts von Edvard Munch und Maria Lassnig

Die Präsentation macht sowohl die teilweise augenfälligen Korrespondenzen ebenso deutlich wie die Unterschiede in der Auffassung eines Themas. Für Munch sind Zärtlichkeiten zwischen Frau und Tiger (Der Tiger, 1909) eine romantische Affäre, die den Gegensatz zwischen Mensch und Tier überspielt; Maria Lassnigs Mit einem Tiger schlafen (1975) lässt dagegen keinen Zweifel daran, dass die Begegnung potentiell lebensgefährlich ist. Tatsächlich nimmt auch Munchs druckgrafischer Zyklus über Alpha und Omega, aus dem dieses Motiv stammt – in der Ausstellung ist er vollständig zu sehen – ein böses Ende, allerdings durch die tödlichen Folgen besitzergreifender Eifersucht statt durch die spitzen Zähne des Tigers.

Edvard Munch: Der Tiger (1909)
Maria Lassnig: Mit einem Tiger schlafen (1975)

Auch in der Darstellung der Natur gibt es Unterschiede. Munch neigt dazu, die Landschaft zu psychologisieren; sie spiegelt die Gefühle und Stimmungen der Personen wider. Auch bei Lassnig existiert eine Verbindung zwischen Mensch und Natur, nur ist sie eher körperlicher als seelischer Art – der Mensch ist (oder wird) ein Teil der Natur. So fasst sie in ihrem Gemälde Wenn i amol unter der Erden bin (1985) das metaphorische unter der Erde sein ganz wörtlich auf: Ihr Körper verschmilzt mit der Landschaft.

Edvard Munch: Vampir im Wald (1916–18). Ich sollte es nicht zugeben, weil ich ja weiterhin Museen besuchen will, aber wenn ich ein Gemälde gerne stehlen würde, dann dieses. Aus Gründen.
Maria Lassnig: Wenn i amol unter der Erden bin (1985)

Krankheit und Tod gehörten zu den Themen, die Edvard Munch zeitlebens nicht losgelassen haben, was sich aus seiner Biographie erklärt. Seine Mutter starb schon früh an der Tuberkulose, der neun Jahre später auch Munchs ein Jahr ältere Schwester Sophie erlag, während der kränkliche Edvard überlebte. Ein großer Teil seines Werks ist von der Allgegenwärtigkeit des Todes inspiriert (auf sein Aquarell Edvard og Sophie i bakgården (Edvard und Sophie im Hinterhof) war ich hier schon einmal eingegangen), und Das kranke Kind, ein Porträt seiner Schwester, war das erste Werk, mit dem er in der Kunstwelt Beachtung fand.

Maria Lassnig: Balken im Auge / Trauernde Hände (1964)

1964 starb Maria Lassnigs Mutter an Leberkrebs, und ihre Trauerarbeit zieht sich danach viele Jahre durch Lassnigs Werk. Balken im Auge / Trauernde Hände, eines der Beweinungsbilder, wie sie diese Werkreihe nannte, zeigt sie vor dem toten Körper der Mutter, mit einem sprichwörtlichen Balken im Auge, der auf ein problematisches Verhältnis zwischen Mutter und Tochter hinweist. Ihre fahlen trauernden Hände wirken wie tot.

Maria Lassnig: Selbstporträt mit Stab (1971)

Im Selbstporträt mit Stab, sieben Jahre später entstanden, ist der Balken oder Stab zerbrochen. Statt als Leiche tritt die Mutter nun aus einem Bild heraus als Geist hinter die Künstlerin, der ihr die Hände auf die Schultern legt und sie zu unterstützen scheint. Ihre an Hypochondrie grenzende Angst vor der Krankheit begleitete Lassnig allerdings noch lange. In einer für sie charakteristischen coping strategy fasste sie den drohenden Krebs wortwörtlich als riesige Garnele auf, die sie mühsam auf Distanz hielt.

Maria Lassnig: Krebsangst (1979) – Ausschnitt

Ebenso wortwörtlich imaginiert sie sich 2011, also mit 92 Jahren, als vom Tode gezeichnet: Der personifizierte Tod malt ihr leichenhaftes Porträt mit geschlossenen Augen und offenem Mund.

Maria Lassig: Vom Tode gezeichnet (2011)

Tatsächlich war sie auch im fortgeschrittenen Alter noch höchst lebendig, beschäftigte sich aber mit dem Grauen eines vorgestellten Krankenhausaufenthalts.

Maria Lassnig: Krankenhaus (2005)

Edvard Munch erkrankte 1919 an der Spanischen Grippe. Die Pandemie, die weltweit bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte, hatte ihren Ursprung übrigens nicht in Spanien, sondern vermutlich in den USA. Munch überlebte das Virus und malte sich, als er in der Phase der Rekonvaleszenz dazu in der Lage war, wirkt in diesem Bild aber noch immer wie vom Tode gezeichnet. (Dieses Gemälde soll nach der Ausstellung in Hamburg und ihrer zweiten Station in Zürich nie wieder ausgeliehen werden und dann nur noch in Oslo zu sehen sein.)

Edvard Munch: Selbstporträt mit spanischer Grippe (1919)

Auf die Ausstellung in ihrer gesamten Breite einzugehen ist an dieser Stelle nicht einmal annähernd möglich, aber der vorgestellte kleine Ausschnitt gibt vielleicht schon genug Motivation, nach Hamburg oder (ab dem 2. Oktober) nach Zürich zu reisen. Eine so hochklassige Auswahl von Werken beider Künstler wird man so schnell nicht wieder an einem Ort sehen.

Ein Katalog mit 304 Seiten und 204 Abbildungen ist als Hardcover-Ausgabe im Distanz Verlag erschienen; er kostet 38 Euro im Museumsshop beziehungsweise 48 Euro im Buchhandel.

Maria Lassnig: Traditionskette (1983)
Maria Lassnig: Kantate (1992)
Edvard Munch: Liegender weiblicher Akt (1913–14)
Als wäre es ein Ausschnitt aus Munchs Akt oben: Maria Lassnigs Weißer Körper (1958)
Maria Lassnig: Die Lebensqualität (2001)
Maria Lassnig: Silvia Goldsmith und ich (1972/78)
Edvard Munch: Torvald Stang und Edvard Munch (1909–11)