Die große Zeitumstellung
3. April 2026, 16:25 Uhr
Immer wenn die Uhrzeit im März und September um eine Stunde umgestellt wird, ist die Aufregung groß. Das ist aber kein Vergleich mit der Einführung des gregorianischen Kalenders im Jahre 1582, in dem auf den 4. Oktober der 15. Oktober folgte. So wurden gleich zehn Tage übersprungen statt wie am letzten Sonntagmorgen nur eine Stunde. Oder ist die gregorianische Kalenderreform gar ein Hinweis auf einen noch viel größeren Sprung – um 297 Jahre einer Phantomzeit im Mittelalter, wie es eine Verschwörungstheorie behauptet?
In den Tagen vor und nach der diesjährigen Umstellung auf Sommerzeit wurde wieder viel gejammert, dass der Lebensrhythmus damit für längere Zeit durcheinander gebracht würde. Dabei handelte es sich bloß um einen Mini-Jetlag, wie ihn beispielsweise auch Griechenlandurlauber erleben – ohne zu klagen. Es ist ja auch nicht so, als ob die Normalzeit (oder Winterzeit, wie sie meist im Gegensatz zur Sommerzeit genannt wird) so natürlich wäre.
Bis in das 19. Jahrhundert galt die wirklich natürliche Ortszeit, nach der es 12 Uhr mittags ist, wenn die Sonne an ihrem höchsten Punkt steht – der sogenannte wahre Mittag. Dieser Zeitpunkt hängt allerdings vom Längengrad des jeweiligen Ortes ab, was bei Bahnfahrten von hundert Kilometern und mehr zu Unstimmigkeiten in den Fahrplänen führte – Start- und Zielbahnhof hatten unterschiedliche Ortszeiten. Es war daher vor allem das stetig wachsende Netz von Eisenbahnstrecken, das Ende des 19. Jahrhunderts eine stärkere Vereinheitlichung der Uhrzeit ratsam erscheinen ließ. Die Grundidee war, die Längengrade der Erde in 24 Abschnitte von jeweils 15 Grad einzuteilen, in denen jeweils dieselbe Uhrzeit galt. Überschritt man die Grenze eines dieser Abschnitte, musste man die Uhr um eine Stunde vor beziehungsweise zurück stellen, je nachdem, ob es die östliche oder die westliche Grenze war. So wurden die Zeitzonen geschaffen, wobei Deutschland, vom durch Greenwich (London) gehenden Nullmeridian rund 10 Grad entfernt, in einer Zeitzone lag, die der von London um eine Stunde voraus ging (UTC+1).
Was ist schon normal?

Ein Blick auf die aktuelle Zeitzonenweltkarte führt allerdings vor Augen, dass die Realität heute ein bisschen anders aussieht. Die Zeitzonengrenzen verlaufen oft nicht entlang der Längengrade, sondern weichen scheinbar willkürlich davon ab. Besonders extrem ist die Situation in der VR China, die sich nach dem ursprünglichen Konzept über fünf Zeitzonen erstrecken müsste; tatsächlich gilt aber in ganz China die Zeitzone von Peking, nämlich UTC+8. Auch der Geltungsbereich unserer Mitteleuropäischen Zeit (MEZ oder UTC+1) ignoriert die geografischen und astronomischen Gegebenheiten. An der deutsch-polnischen Grenze entspricht die MEZ annähernd der Ortszeit, aber schon Teile von Nordrhein-Westfalen müssten eigentlich in derselben Zeitzone wie London liegen (UTC+0), die Niederlande, Belgien, Frankreich und Spanien sowieso. Santiago de Compostela, der Endpunkt des Jakobswegs, läge sogar im Bereich von UTC−1. Trotzdem haben sich diese europäischen Staaten der MEZ angeschlossen, und so erreicht die Sonne dort teilweise erst um 13:30 Uhr oder noch später ihren höchsten Punkt.
Diese Ausweitung der Zeitzone nach Westen ist einerseits praktisch, weil man auf Reisen in West- und Mitteleuropa nicht so häufig die Uhr umzustellen braucht, aber sie führt dazu, dass die Normalzeit teilweise weit von der Ortszeit abweicht. In Westeuropa ist allein Portugal ausgeschert und hat sich UTC+0 angeschlossen, wobei Lissabon und Porto sogar noch eine Zeitzone weiter westlich in UTC−1 liegen müssten. Schon die vermeintliche Normalzeit ist also in weiten Teilen der Welt alles andere als normal.
Seltsam erscheint, dass an der nicht repräsentativen EU-Umfrage zur Zeitumstellung 2018, deren Ergebnis eine vermeintlich klare Ablehnung der Zeitumstellung war, nur rund 4,5 Millionen EU-Bürger teilgenommen hatten, und das waren zum größten Teil Deutsche. Dagegen hatte Spanier und Franzosen, die auch im Winter in der „falschen“ Normalzeit leben und sich während der Sommerzeit mit einer noch stärkeren Abweichung zur Ortszeit abfinden müssen, diese Frage offenbar nur wenig interessiert. Wie man sich zur Zeitumstellung verhält, scheint vor allem eine Frage der Einstellung zu sein. Wohl aus demselben Grund macht einem die Zeitverschiebung bei einer freiwillig angetretenen Urlaubsreise nichts aus, während dieselbe Verschiebung aufgrund einer verordneten Zeitumstellung stört.
Zehn Tage, die es nicht gab
1582 kam es zu einer weit dramatischeren Zeitumstellung. Wer am 4. November schlafen gegangen war, musste nach dem Aufwachen nicht nur die Uhr umstellen, sondern den Kalender. Der neue Morgen war nämlich nicht der des 5., sondern bereits des 15. Novembers. Nicht weil man zehn Tage verschlafen hatte, denn die fehlenden zehn Tage hatte es nie gegeben. Schuld daran war die von Papst Gregor XIII. verfügte Kalenderreform, mit der er die Mängel des mehr als 1600 Jahre lang genutzten julianischen Kalenders korrigierte. Jedenfalls in den katholischen Nationen; andere akzeptierten den neuen, verbesserten Kalender erst später und nur zögerlich.

Auch damals gab es viele Skeptiker, die mit der Kalenderreform haderten und sie entweder für unnötig oder für nicht konsequent genug hielten. Selbst ein so kluger Mann wie Michel de Montaigne (1533–1592) nörgelte in seinem Essay Über die Hinkenden, einer Kritik populärer Denkfehler, gleich in der Einleitung über Gregors Reform, bewies damit aber nur, dass er ihren Sinn nicht gänzlich verstanden hatte. (Wohlgemerkt: Über die Hinkenden ist trotzdem ein unbedingt lesenswerter Text. Auf die im Titel erwähnten Hinkenden kommt Montaigne erst ganz zum Schluss zu sprechen, und um die Neugier anzustacheln verrate ich schon mal: Es geht um Sex.)
Zugegebenermaßen ist die Kalenderwissenschaft ein komplexes Feld. Auf die Fragen, die sich darin stellen, gibt es nicht eine einzige, offenkundig richtige Antwort, sondern nur eine Reihe von Kompromissformeln. Das ist auch der Grund, weshalb die Menschheit im Laufe der Jahrtausende unterschiedliche Kalender entwickelt hat.
Als Ausgangspunkt dienten fast immer die natürlichen Zyklen – der Zyklus von Tag und Nacht, verursacht durch die Erdrotation, der Zyklus der Mondphasen, dessen Ursache die Bahn des Mondes um die Erde ist, und der Zyklus der Jahreszeiten, der aufgrund der leicht schrägen Erdachse entsteht, so dass die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne mal mehr die Nord- und mal die Südhalbkugel der Sonne zu neigt. Manche der astronomischen Erklärungen dieser Phänomene haben die Menschen erst spät erkannt, aber für die Belange der Kalenderwissenschaft spielte das keine Rolle: Entscheidend waren stets die beobachtbaren Phänomene. Die Probleme entstanden nun, weil keiner dieser Zyklen zu den anderen passte. Teilte man die Länge eines Sonnenjahres durch die eines Mondmonats, kam eine krumme Zahl dabei heraus, und weder ein Sonnenjahr (etwa 365,24 Tage) noch ein Mondmonat (durchschnittlich 29,53 Tage) war durch die Länge eines Tages ohne Rest teilbar. Vier Wochen von je sieben Tagen (für die vier Mondphasen) ergeben auch noch nicht ganz einen Mondmonat – es fehlen rund anderthalb Tage. Die Rechnung ging an keiner Stelle auf, und wenn dies das Werk eines Schöpfers sein sollte, könnte er bei seinem „… und Gott sah, dass es gut war“ nur sehr flüchtig hingeschaut haben.
Im jüdischen wie im altarabischen Kalender (und ähnlich auch im altrömischen Kalender) bildeten die Mondphasen den primären Zyklus; ein Monat begann jeweils mit der ersten gerade eben sichtbaren Mondsichel nach Neumond. Da nach 12 solcher Mondmonate aber noch rund 10 bis 11 Tage an einem Sonnenjahr fehlten, wurde an manche Jahre ein Schaltmonat angehängt, so dass die Jahreslänge wenigstens im langjährigen Mittel dem Sonnenjahr entsprach. Im islamischen Kalender gibt es dagegen keine Schaltmonate, und da das Jahr deshalb gegenüber dem Sonnenjahr zu kurz ist, verschieben sich die Monate durch die Jahreszeiten und beginnen jedes Jahr 10 bis 11 Tage früher. Das ist insbesondere im Fastenmonat Ramadan bedeutsam: Fällt er wie in diesem Jahr in den Winter, ist die Fastenzeit zwischen Sonnenaufgang und -untergang kurz, während das Fastengebot bei einem Ramadan im Sommer eine größere Herausforderung darstellt.
Der christliche Kalender, der seinerseits auf den von Julius Caesar reformierten römischen Kalender zurückgeht, orientiert sich primär am Sonnenjahr und dem Zyklus der Jahreszeiten, weshalb er für die Landwirtschaft nützlicher ist. Das Sonnenjahr wird in 12 Monate unterschiedlicher Länge eingeteilt, womit allerdings der Bezug der Monate zu den Mondphasen verloren geht. Der Wochenzyklus ist vom Monatszyklus und weitgehend auch vom Jahreszyklus entkoppelt; eine Woche, die ein Jahresende überspannt, wird ganz dem alten oder dem neuen Jahr zugerechnet, je nachdem, in welchem die Mehrzahl ihrer sieben Tage liegt.
Schaltprobleme
Während der altrömische Kalender noch primär ein Mondkalender gewesen war, den gelegentlich angehängte Schaltmonate in einen ungefähren Einklang mit dem Sonnenjahr brachten, führte Julius Caesar im Jahr 46 vor unserer Zeitrechnung einen reinen Sonnenkalender ein. Diese Reform setzte sich allerdings erst nach seinem Tod wirklich durch. Da ein Sonnenjahr rund 365,24 Tage umfasst, sollte nach drei Normaljahren mit 365 Tagen ein Schaltjahr mit 366 Tagen die etwas zu kurze Jahreslänge kompensieren. Der zusätzliche Tag wurde dem Februar zugeschlagen, also dem kürzesten Monat, der in Schaltjahren 29 statt 28 Tage bekam. Der Februar war ursprünglich der letzte Monat des römischen Jahres gewesen, weshalb er nur so viele Tage hatte, wie vom Jahr noch übrig geblieben waren.
Caesars Kalenderreform war von einem Sonnenjahr mit 365,25 Tagen ausgegangen, aber gegenüber dem tatsächlichen Sonnenjahr war das nun ein wenig zu lang. Der Unterschied war zwar gering – weniger als ein Hundertstel eines Tages –, aber der Fehler summierte sich auf, was anderthalb Jahrtausende später zu offenkundigen Problemen führte. Die Tagundnachtgleiche, die zu Julius Caesars Zeiten um den 24. März gelegen hatte, hatte sich bereits um 13 Tage auf den 11. März verschoben, und wenn das so weitergegangen wäre, hätte der Frühling irgendwann im Dezember begonnen – der Zusammenhang zwischen den Jahreszeiten und dem Kalender drohte verloren zu gehen.
Der Papst schreitet ein

Papst Gregor XIII. (1502–1585) war sich des Problems bewusst, und er ließ sich von dem deutschen Mathematiker Christophorus Clavius und anderen Astronomen und Mathematikern beraten, wie es sich lösen ließe. Seine von den Experten konzipierte Kalenderreform hatte zwei Bestandteile: Das etwas zu lange Kalenderjahr sollte auf die im Mittel richtige Länge gebracht werden, indem man Schaltjahre ausfallen ließ, wenn die Jahreszahl durch 100, nicht aber durch 400 teilbar wäre. Dieser Teil war kaum kontrovers; die geänderte Schaltregel hätte erst im Jahre 1700 einen Unterschied gemacht, denn 1600 war ja durch 400 teilbar und wäre ein Schaltjahr geblieben. Zu diesem Datum, 118 Jahre später, wäre keiner der Zeitgenossen von Gregor XIII. mehr am Leben gewesen, und 1582 hätte es niemanden aufgeregt.
Dagegen erwies sich der zweite Teil der Reform als weniger populär, nämlich die Entscheidung, zehn Kalendertage zu überspringen, um die Verschiebung der astronomischen Eckdaten zu kompensieren. Manche Menschen beschlich das vage Gefühl, ihnen sei etwas weggenommen worden, vielleicht sogar zehn Tage der ihnen zugemessenen Lebenszeit. Das war natürlich Unsinn, und der Ausfall von zehn Tagen hatten seinen Sinn.
Die wichtigsten und markantesten Zeitpunkte im Sonnenjahr sind die beiden Tagundnachtgleichen im März beziehungsweise September, der längste Tag im Juni und die längste Nacht im Dezember. Diese Daten bestimmen den Beginn der jeweiligen Jahreszeiten, und damit sich die Landwirte bei Aussaat und Ernte nach dem Kalender richten konnten, sollten der Wechsel der Jahreszeiten auf halbwegs feste Kalenderdaten fallen. Nur kleine Abweichungen um ±1 Tage lassen sich nicht vermeiden.
Hier läuft doch eine Verschwörung!

Aber Moment mal: Hatte ich nicht oben gesagt, dass sich die Kalenderdaten gegenüber der astronomischen Realität seit Caesars Zeiten um 13 Tagen verschoben hatten? Warum ließ die gregorianische Kalenderreform dann nur zehn Tage überspringen? Der Germanist Heribert Illig witterte eine Verschwörung und entwickelte seine Theorie eines erfundenen Mittelalters oder einer Phantomzeit, die er in seinem Buch Das erfundene Mittelalter – Die größte Zeitfälschung der Geschichte (1996) zu popularisieren versuchte. Danach hätte der deutsche Kaiser Otto III. statt im 10. schon im 7. Jahrhundert gelebt, aber in Komplizenschaft mit dem byzantinischen Kaiser und dem Papst gleich 297 Jahre nachträglich hinzugefügt (von 614 bis 911), um als Herrscher des Jahres 1000 in die Geschichte einzugehen.
All das, was in den erfundenen fast drei Jahrhunderten angeblich passiert sei, hätten sich Otto und seine Helfershelfer ausgedacht und die nötigen Dokumente gefälscht. Herrscher wie Karl der Große (747/48–814), Ludwig der Fromme (778–840), Karl der Kahle (823–877) und Ludwig der Deutsche (806–876) wären demnach frei erfunden gewesen. Auch all die Gelehrten dieser Phantomjahre wie Beda Venerabilis (672/73–735), Alkuin von York (735–804), Hrabanus Maurus (um 780– 856), Abu Dschaʿfar Muhammad ibn Musa al-Chwārizmī (geboren 780; nach ihm ist der Algorithmus benannt) und Notker der Stammler (840–912) hätten nie gelebt und ihre Werke wären von anderen, anonymen Autoren geschrieben worden. 1000 Jahre lang sei das niemandem aufgefallen, und erst Illig hätte die Tatsache, dass Gregor XIII. bei seiner Kalenderreform nur zehn statt 13 Tage überspringen musste, als Hinweis darauf erkannt, dass seit der Antike knapp drei Jahrhunderte weniger als allgemein angenommen vergangen und ein großer Teil des Mittelalters erfunden sei.
Diese Verschwörungstheorie eines erfundenen Mittelalters widerspricht allen bekannten Fakten aus Geschichte, Archäologie und Astronomie, und sie wird auch durch die Kalender anderer Kulturen widerlegt, die unsere etablierte Zeitrechnung bestätigen. Schon auf den ersten Blick erweist sich die Phantomzeit als absurd: Beispielsweise hätte ein Spanier 614 unter dem christlichen König Gundemar im Westgotenreichs gelebt, im angeblich darauf folgenden Jahr 911 aber in einem von Mauren beherrschten Kalifat – wo wären die Mauren mitsamt ihrer Religion und Kultur sowie den charakteristischen Bauten so plötzlich hergekommen? Man kann die maurische Epoche in Spanien auch nicht einfach vorverlegen, denn Mohammed begann selbst in Mekka erst 613 zu predigen und bei den ursprünglich nordafrikanischen Mauren konnte sich der Islam erst Ende des 7. Jahrhunderts etablieren.
Illigs Bücher zu diesem Thema verkauften sich gut, aber in der Fachwelt schüttelte man über den blühenden Unsinn nur den Kopf. Und dennoch: Wenn im Frühmittelalter keine 297 Jahre fehlen, wie ist dann die Diskrepanz zwischen den den rechnerisch 13 zu kompensierenden Tagen und den von der gregorianischen Kalenderreform tatsächlich übersprungenen zehn Tagen zu erklären?
Wen interessiert Julius Caesar?
Man müsste die Frage eigentlich noch weiter fassen: Warum bestand Gregor XIII. überhaupt darauf, Kalendertage zu überspringen? Der Zusammenhang zwischen Kalendertagen und Jahreszeiten war schließlich arbiträr, und man hätte sich auch daran gewöhnen können, dass der Frühling am 11. März beginnt. Die Hauptsache war doch, dass sich die Abweichungen nicht weiter vergrößerten, wofür die geänderte Schaltregel ausgereicht hätte. Der Akzeptanz der Kalenderreform wäre es sicherlich förderlich gewesen, wenn man sich darauf beschränkt hätte. Oder fragen wir noch grundsätzlicher: Was kümmerte sich der Papst überhaupt um den Kalender? War der nicht für Landwirte wichtiger als für Männer der Kirche?

Die Antwort hängt mit einem für die Entwicklung des Christentums entscheidenden Ereignis zusammen, nämlich dem Konzil zu Nicäa im Jahre 325. Der damalige römische Kaiser Konstantin hatte 313 den Christen Religionsfreiheit gewährt und das Christentum später aktiv unterstützt. Damit waren allerdings auch Forderungen an die Christen verbunden, denn diese sollten ihre zahlreichen internen Streitigkeiten beilegen und eindeutig niederlegen, was als christliche Lehre zu gelten habe. Zu diesem Zweck berief er ein Konzil in Nicäa ein (im Gebiet der heutigen Türkei; die Stadt trägt jetzt den Namen İznik), zu dem rund 200 Bischöfe kamen. Der Bischof von Rom – also der Papst – hatte die weite Reise gescheut, aber da der Papst damals noch nicht die herausgehobene Position späterer Jahrhunderte hatte, spielte seine Abwesenheit keine große Rolle.
Neben der Klärung von Details der Trinitätslehre wurde auch das Osterdatum erst in Nicäa verbindlich festgelegt, und Ostern war schließlich das wichtigste christliche Fest. Nach den Evangelien war Jesus mit seinen Jüngern zum Pessachfest nach Jerusalem gekommen, und dort wurde er von der römischen Besatzungsmacht verhaftet und als Aufrührer gegen Rom gekreuzigt, um nach christlicher Überzeugung am dritten Tage wiederaufzuerstehen.
Pessach beginnt am 15. Tag des Frühlingsmonats Nisan, also zum ersten Frühlingsvollmond. Die Christen wollten an diesem Zusammenhang festhalten, andererseits aber ein exaktes Zusammenfallen von Ostern und Pessach vermeiden, sei es aufgrund der unterschiedlichen Kalender oder weil man sich vom Judentum distanzieren wollte. Die auf dem Konzil zu Nicäa gefundene Formel lautete, dass Ostern am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond zu feiern sei. Dieser Ostersonntag galt als Datum der Wiederauferstehung, der Freitag davor als das Todesdatum Jesu.
Die Berechnung des Osterdatums in einem gegebenen Jahr erwies sich als recht komplex und wurde die Domäne von Spezialisten der Zeitrechnung, den Computistae. Unser heutiger Begriff Computer wird zwar mit Rechner übersetzt, aber schnödes Rechnen, etwa zum Zwecke der Buchführung, galt im Mittelalter als Aufgabe der Calculatores, während sich die Computistae mit den nobleren Aufgaben der Kalenderwissenschaft, dem Computus befassten. Um es nicht noch komplizierter zu machen – die dubietas paschae, also der Zweifel, ob man das korrekte Osterdatum ermittelt hatte, war auch so schon groß genug –, wurde der Frühlingsbeginn auf den 21. März festgelegt, wie es dem damaligen Datum der Tagundnachtgleiche entsprach; tatsächlich schwankt es zwischen dem 19. und dem 21. März.
Daraus resultierte das Problem, das Papst Gregor XIII. lösen musste: Wenn man der vom Konzil zu Nicäa 325 getroffenen Festlegung buchstabengenau folgte, musste man Ostern als den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem 21. März berechnen, nur war der 21. März schon lange nicht mehr der Frühlingsanfang – der war schon am 11. März, zehn Tage früher. Dem Sinn der Definition nach ging das in die Irre und man feierte Ostern zur falschen Zeit. Dem Papst lag nichts ferner, als die Verhältnisse zur Zeit Julius Caesars wiederherzustellen; das heidnische Rom interessierte ihn nicht. Sein Ziel war es vielmehr, den Zusammenhang zwischen dem Kalender und den Jahreszeiten wieder auf den Stand des Jahres 325 zu bringen. Seitdem hatte sich der Kalender um zehn Tage gegenüber den astronomischen Eckdaten verschoben, und nur diese zehn Tage mussten daher übersprungen werden.
Folglich gibt es keine Diskrepanz, die durch ein erfundenes Mittelalter zu erklären wäre; Heribert Illig hatte schlicht missverstanden, was Gregor XIII. mit seiner Reform bezweckte. Neben der einen Stunde, die uns die Umstellung auf die Sommerzeit nimmt und die wir mit der Umstellung auf die Normal- oder Winterzeit wieder zurückerstattet bekommen, hat die Menschheit im Geltungsbereich des christlichen Kalenders einst zehn Kalendertage verloren - aber, keine Bange, keine Tage der Lebenszeit. Der Verlust von fast drei Jahrhunderten ist uns, Heribert Illig zum Trotz, dagegen erspart geblieben.
