Heimatkunde: Quellenkritik
15. Oktober 2026, 11:00 Uhr
Wer über die Geschichte des frühen Mittelalters anhand der zeitgenössischen Chroniken schreiben will, kann auf nur wenige Quellen zurückgreifen, und auch diese darf man nicht ungeprüft zum Nennwert nehmen. Eine unkritische Verwertung solcher Texte führt bis heute oft zu einer schiefen Darstellung.
Wie man so sagt: Wenn man von einer schönen Geschichte hört, sollte man sie sich nicht durch allzu viel Recherche kaputt machen. Aber die schönsten Geschichten stimmen eben oft gar nicht, und als seriöser Journalist ebenso wie als Historiker muss man gegebenenfalls genau das tun. Meine Serie zur Hamburger Heimatkunde (wie das entsprechende Schulfach in meiner Kindheit hieß) hatte ich begonnen, weil vieles von dem, das ich einst brav gelernt hatte, tatsächlich gar nicht stimmte. In den 60er Jahren wusste man es auch nicht besser, und meine Idee war, die Geschichte meiner Heimatstadt einmal so zu erzählen, wie sie sich nach dem heutigen Wissensstand darstellt, wobei ich weiterhin bestehende Wissenslücken nicht mit spekulativen Ergänzungen übertünchen, sondern offenlegen wollte. Drei Teile sind bereits erschienen, der jüngste unter dem Titel „Grafen, Erzbischöfe, Bürger und ein Papst – Hamburg im 10. Jahrhundert“, und drei weitere Teile habe ich geplant, um insgesamt die ersten 500 Jahre der Stadtgeschichte zu erzählen.

Wie mir bei der Recherche zu dieser Artikelreihe klar wurde, wird die Hamburgische Geschichte heute nicht durchgängig besser vermittelt als zu meiner Schulzeit. Auch in der aktuellen Literatur finden sich noch falsche und veraltete Darstellungen, und in der Wikipedia stehen Seiten, die die Erkenntnisstand der Geschichtswissenschaft widerspiegeln, neben Seiten auf dem Stand des vergangenen Jahrhunderts.
Die Primärquellen für die Geschichte des frühen Mittelalters sind die Chroniken einiger weniger Autoren, die teilweise auch noch voneinander abgeschrieben hatten. Hinzu kommen Urkunden, die oft gefälscht worden waren, und die meist verlässlicheren Annalen, die in Klöstern geführt wurden und die in leider meist sehr knappen Worten damals aktuelle Ereignisse verzeichnen. Insbesondere die Chroniken muss man zunächst auf innere Stimmigkeit und Plausibilität prüfen und sie mit anderen Quellen abgleichen, bevor man sie verwerten kann. Oft haben ihre Autoren Personen verwechselt und Ereignisse falsch datiert. Die Chroniken wurden auch selten völlig interesselos aufgeschrieben, sondern dienten der Verbreitung eines bestimmten Narrativs (wie man es heute formulieren würde), das ihrem Auftraggeber die Durchsetzung seiner Ziele erleichtern sollte.

Irrtümer findet man auch noch bei den heutigen Fachleuten. In „Papst Benedikt V. – Exil in der Hammaburg“ („Mythos Hammaburg“ (2014), S. 47) erwähnte Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg, es sei wenig bekannt, dass der spätere Kaiser Otto I. 939 Erzbischof Friedrich von Mainz nach Hamburg verbannt hätte. Im Zusammenhang mit der späteren Verbannung des abgesetzten Papstes Benedikt V. nach Hamburg, auf die ich im jüngsten Teil der „Heimatkunde“ ausführlich eingehe, erschien mir das interessant, und ich wollte mehr darüber herausfinden. Dabei wurde mir allerdings schnell klar, warum diese Episode wenig bekannt war: Sie war nicht so passiert. Zwar war Friedrich von Mainz, der mal auf der Seite Ottos und mal auf der seiner Feinde stand, damals tatsächlich für kurze Zeit (939–949) interniert worden – aber im bayerischen Hammelburg, nicht in der Hammaburg. Rainer-Maria Weiss musste sich verhört oder verlesen haben.

Die generell lateinischen Chroniken zitiere ich durchweg in deutschen Übertragungen, wobei die verwendeten Übersetzungen teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen. Deren Rechtschreibung und Grammatik habe ich behutsam modernisiert. Personennamen sind ein Problem für sich: Im Mittelalter gab es noch keine standardisierten Schreibweisen, und da auch Adlige oft Analphabeten waren, hätte man sie nicht einmal fragen können, wie ihr Name richtig zu schreiben sei. Die Geschichtsschreiber der damaligen Zeit haben sich auch nicht um Konsistenz bemüht, und Thietmar von Merseburg beispielsweise nennt einen slawischen Fürsten innerhalb eines Absatzes mal „Mistui“ und mal „Mistuwoi“. Ich habe solche Namen dann auf die heute übliche Schreibweise (hier „Mistiwoj“) vereinheitlicht. Anders habe ich es gehandhabt, wenn verschiedene Namen für dieselbe Person verwendet werden. Christliche Slawen werden von sächsischen Autoren oft unter ihrem Taufnamen genannt, der bereits erwähnte Mistiwoj beispielsweise „Billug“ und sein Enkel Pribignew entweder „Udo“ oder „Uto“ – ihre sächsischen Taufpaten könnten Hermann Billung beziehungsweise Udo von Stade gewesen sein. Solche alternativen Namen habe ich so belassen.
Wie erwähnt habe ich einen groben Plan, in drei weiteren Teilen von der Entwicklung Hamburgs im 11., 12. und 13. Jahrhundert zu erzählen, also bis in die Zeit, in der sich Hamburg als immer eigenständigere Stadt zu konstituieren begann und nicht länger durch Kirche und Adel fremdbestimmt wurde. Ich habe auch darüber nachgedacht, daraus ein Buchprojekt zu machen, fürchte allerdings, dass das Interesse der infrage kommenden Verlage gering wäre, und mein Ehrgeiz ist nicht so groß, dass ich es als Book on Demand im Selbstverlag herausbringen würde. So wird es erst einmal bei der Online-Version bleiben.
