Heimatkunde: Das 9. Jahrhundert bebildern

6. August 2026, 17:00 Uhr

Der Text zum zweiten Teil meiner Serie zur Hamburgischen Geschichte schrieb sich schnell, aber geeignete Illustrationen zu finden erwies sich als Herausforderung.

Man spricht nicht umsonst von Geschichtsschreibung – die zeitgenössischen Chroniken sind textlastig. Am liebsten hätte ich Fotos von erhaltenen Gebäuden aus der Zeit präsentiert, aber das war in diesem Fall nicht möglich. Aus dem 9. Jahrhundert, der Zeit Ansgars und Rimberts, sind nicht einmal Ruinen erhalten, denn damals baute man mit vergänglichen Materialien. Archäologen finden zwar noch Verfärbungen im Boden, die beispielsweise auf hölzerne Fundamente oder Pfeiler hindeuten, und können daraus erschließen, was für ein Gebäude einst an dieser Stelle stand, aber wirklich anschaulich ist das nicht. Die ältesten steinernen Gebäudereste – aus dem 13. Jahrhundert – findet man im Turmschaft von St. Katharinen.

Diese Karte entstand 1645, 800 Jahre nach Ansgars Flucht aus Hamburg. Die Außenalster ist eingezeichnet, aber die Oberalster fehlt; der Fluss, der hier als „Alster“ bezeichnet ist, entspricht in seinem Verlauf eher der Wandse.

Zeitgenössische Karten Hamburgs oder allgemein Norddeutschlands gibt es nicht, denn im 9. Jahrhundert zeichnete man keine Karten, und auch Jahrhunderte später leisteten sich die Kartographen noch viele Fehler. Im frühen Mittelalter machte sich niemand die Mühe, Stadt und Land künstlerisch abzubilden, und das Porträt war keine relevante Gattung. In der Buchmalerei findet man Abbildungen von Kaisern, Königen und Bischöfen, aber selbst wenn die Bilder zeitgenössisch sind, zeigen sie kaum individuelle Merkmale. Personen wurden idealtypisch statt wiedererkennbar abgebildet, und oft werden die Künstler den Porträtierten nie selbst gesehen haben. In der Schedelschen Weltchronik von 1493 fand ich Holzschnitte mit Ansichten vieler Städte, merkte aber schnell, dass die Bilder jeweils mehrfach verwendet und beispielsweise alle Städte an einem Fluss jeweils mit demselben Holzschnitt illustriert waren. Allein Venedig erschien es offenbar wert, einen individuellen Holzschnitt dafür anzufertigen, darin Friedrich Torbergs Tante Jolesch folgend: „Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders“.

Ein Artefakt aus Ansgars Zeit: Eine Bleiplatte vom Grab Bischof Leuderichs, Ansgars Vorgänger, die bei Ausgrabungen im Bremer Dom gefunden wurde.

Heutzutage hätte es vielleicht nahe gelegen, die generative KI zur Bebilderung zu nutzen, aber davon habe ich nicht nur deshalb abgesehen, weil ich mich ganz generell gegen eine KI-Unterstützung entschieden habe. Das Textmedium hat den großen Vorteil, dass man über Details, die man nicht kennt, einfach schweigen kann. Oder man weist ausdrücklich darauf hin, dass es dazu nur verschiedene Hypothesen und mehr oder minder plausible Spekulationen gibt. Eine Bebilderung dagegen zwingt dazu, sich bei allen Detailfragen zu irgendeiner Antwort zu bekennen, auch wenn diese gar keine echte Grundlage hat. Das spricht nicht nur gegen per KI generierte Illustrationen, sondern ebenso gegen künstlerische Darstellungen, wie sie früher beliebt waren. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass solche Bilder in die Irre führen, und selbst wenn man dann in der Bildunterschrift auf die Problematik hinweist, bleibt am Ende eher ein falsches Bild im Gedächtnis des Lesers haften als der erklärende Text.

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an dreidimensionale Modelle Hamburgs in verschiedenen Jahrhunderten, die ich im Museum für Hamburgische Geschichte sah. Sie waren wunderbar anschaulich, sind aber längst durch neuere Erkenntnisse überholt und erweckten in etlichen Details einen falschen Eindruck. Wenn die aktuell laufende Modernisierung abgeschlossen ist und das Museum (wohl 2029) wiedereröffnet wird, wird man diese Stadtmodelle wohl nicht mehr sehen.

Dieses Kapitell in der Ostkrypta des Bremer Doms stammt aus dem 11. Jahrhundert, der Zeit des Chronisten Adam von Bremen. Über die Bedeutung dieser Symbole kann man nur spekulieren.

Da es im zweiten Teil meiner Heimatkunde schwerpunktmäßig um Bremen geht, weil eben dort die Hamburgische Geschichte dieser Zeit geschrieben wurde, nahm ich mehrmals den Metronom Richtung Bremen, um dort zu recherchieren und geeignete Fotomotive zu finden. Tatsächlich erwies sich Bremen als ergiebiger als Hamburg; die älteste erhaltene Architektur dort geht immerhin auf das 11. Jahrhundert zurück und ich fand sogar ein Artefakt, das wahrscheinlich Ansgar selbst in Auftrag gegeben hatte. Mit Problemen der Bebilderung werde ich mich aber auch weiterhin herumschlagen müssen, zumindest noch bei den Teilen drei und vier, in denen es um das Hamburg des 10. beziehungsweise 11. Jahrhunderts gehen soll.