Heimatkunde

4. Juli 2026, 20:39 Uhr

Als ich ab Mitte der 60er Jahre auf die Grundschule ging, war Heimatkunde eines meiner Lieblingsfächer. In den Jahrzehnten nach meiner Schulzeit musste ich allerdings feststellen, dass vieles von dem, das ich damals über Hamburgs Geschichte gelernt hatte, gar nicht stimmte.

Es fängt damit an, dass die Stadt gar nicht von Karl dem Großen gegründet worden ist. Der Heilige Ansgar, dessen Statue an prominenter Stelle auf der Trostbrücke steht, war kein Hamburger Bischof oder gar Erzbischof gewesen und die Stadt daher auch kein (Erz-) Bistum. Die Neue Burg war tatsächlich älter, die in manchen Legenden erwähne Alsterburg, dort gelegen, wo heute das Rathaus steht, hatte es nie gegeben, und die angebliche Bischofsburg, erst wenige Jahre vor meiner Einschulung entdeckt, gab es zwar wirklich, nur war sie keine Burg und hatte nichts mit irgendeinem Bischof zu tun. Die Unterschrift Kaiser Barbarossas, die wir bis heute jedes Jahr Anfang Mai mit dem Hafengeburtstag feiern, sicherte der Stadt wichtige Vorrechte – nur war sie leider gefälscht; Barbarossa hatte den Barbarossabrief, der im Staatsarchiv ausgestellt ist, nie zu Gesicht bekommen und war bei dessen Abfassung schon lange tot. Und so weiter …

Das Hamburger Stadtwappen zeigt übrigens auch nicht die Hammaburg, wie manchmal angenommen – aber das wird das Thema eines weiteren Artikels …

Mein Heimatkunde-Unterricht liegt nun sechs Jahrzehnte zurück, und so dachte ich mir, es wäre an der Zeit, einmal all diese Irrtümer und Fälschungen richtigzustellen. Ursprünglich hatte ich an einen einzigen Artikel gedacht, aber während ich das Konzept entwickelte, wurde mir bald klar, dass der Inhalt den Rahmen sprengen würde. Daher mache ich nun eine lockere Serie daraus und fange mit dem Anfang an – nämlich Hamburgs Geschichte zwischen 834, als ein französischer Mönch namens Ansgar nach Hamburg kam, und 845, als er der Stadt endgültig den Rücken kehrte: „Ansgar wird nach Hamburg geschickt und findet sein Glück in Bremen“. Aber obwohl es bloß um 11 Jahre geht, ist auch dieser Artikel noch länger geraten als geplant – es hilft ja nichts, wenn man eine Geschichte richtig erzählen will. Wer kein ausgesprochener Geschichts-Nerd ist, wird mein Essay daher vielleicht langweilig finden.

Übrigens stützt sich meine Darstellung vor allem auf den hervorragenden Katalog zur Ausstellung Mythos Hammaburg (2014) des Archäologischen Museums Hamburg – kein gewöhnlicher Ausstellungskatalog, sondern ein Sammelband mit Fachaufsätzen, deren Autoren die Hammaburg und verwandte Themen aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen wie Archäologie, Geschichtswissenschaft und Diplomatik (die nichts mit Diplomatie zu tun hat, sondern die Wissenschaft von historischen Urkunden ist) beleuchten. Daneben habe ich mich auch mit den wichtigsten historischen Quellen beschäftigt, also der Biografie Ansgars aus dem 9. Jahrhundert, verfasst von seinem Schüler und Nachfolger Rimbert, und der Hamburgischen Kirchengeschichte Adams von Bremen aus dem 11. Jahrhundert. Beide Autoren sind nicht eben vertrauenswürdig und sie lassen leider vieles aus, das durchaus berichtenswert gewesen wäre, aber man kann sich seine mittelalterlichen Gewährsleute ja nicht aussuchen. Manches ist auch meine eigene Interpretation – es ist eben ein Essay und keine wissenschaftliche Fachpublikation, und ich bin ja auch kein ausgebildeter Historiker.